Maifischprojekt unter Beteiligung des VHF
Wie wir schon mehrfach im Hessenfischer berichteten (zuletzt im Juni 2017, https://hessenfischer.net/der-maifisch-kehrt-zurueck/), läuft seit 2007 im Rhein ein großes, Staaten und Bundesländer übergreifendes Projekt zur Wiederansiedlung des seit 1960 ausgestorbenen Maifischs (Alosa alosa). Dieses wurde in zwei Vierjahresperioden von der EU als LIFE-Projekt gefördert. Seit 2017 wird es allein von einer breiten Allianz von staatlichen Umweltbehörden, privaten Umweltstiftungen und Fischereiverbänden aus den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und der Schweiz getragen. Der VHF gehört seit 2009 zu den finanziellen Förderern und ideellen Unterstützern des Projekts. Kern des Projekts ist seit 2008 ein massiver Besatz mit möglichst 1 Mio. Maifischlarven jährlich. Der tatsächliche Besatz liegt aufgrund der schwankenden Verfügbarkeit von Elternfischen (max. 80/Jahr) aus der Südwest-Frankreich mal darunter oder darüber, maximal wurden sogar 2,5 Mio. Larven/Jahr erreicht. Insgesamt wurden bisher gut 13 Mio. Maifischlarven in den Rhein besetzt. Daneben findet ein breites wissenschaftliches Begleitprogramm unter Beteiligung des Umweltcampus der Hochschule Trier und des Instituts für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau statt.

Besatz-Events
Seit Projektbeginn wird ein kleiner Teil des jährlichen Besatzes öffentlichkeitswirksam als Auswilderungs-Event unter Beteiligung von Polit-Prominenz, Schulklassen, Anglerjugend und örtlichen Unterstützern durchgeführt. Diese Events „wandern“ unter den beteiligten Bundesländern an Mittel- und Oberrhein. Ein besonders schönes fand im Juni 2019 in Köln statt. Köln hat eine sehr lange Tradition als Fischerstadt, mit weit zurückreichenden Fischerfesten, besonders für den Maifisch, dessen Rückkehr das „Poller Maigeloog“ jährlich mit dem Fischerfest „Maispill“ feiert (http://www.pollermaigeloog.de/ ). Der VHF war dabei 2019 durch den Vizepräsidenten des VHF, Rainer Hennings, der auch der Lenkungsgruppe des Maifisch-Projektes angehört, vertreten.

Das Auswilderungs-Event 2020 war für Anfang Juni in Wiesbaden am Biebricher Schloss vorgesehen, mit Beteiligung der Umwelt-Ministerinnen aus Hessen und NRW und mit einer Biebricher Grundschule und der Anglerjugend des VHF. Es wurde leider ein Opfer der Pandemie-Maßnahmen, soll aber dafür im Juni 2021 stattfinden, dann im Hauptprogramm des ebenfalls verschobenen Deutschen Naturschutztages.

Monitoring: Laichtänze am Verbandsgewässer des VHF
Die Kontrolle der Bestandsentwicklung (Monitoring) ist in einem System von der Größe des Rheins sehr schwierig, erst an den Staustufen Iffezheim und Gambsheim im Rhein, bzw. Kostheim im Main, Ladenburg im Neckar und Koblenz in der Mosel, ist ein klassischer Nachweis mit Reusenfängen und Beobachtungen an Kontrollfenstern möglich. Ab 2012 stiegen als Folge der ersten Besätze die Rückkehrernachweise an, sie erreichten im Jahr 2014 einen Höhepunkt von knapp über 300 Exemplaren. Die Nachweiszahlen der letzten Jahre stabilisieren sich auf niedrigerem Niveau knapp unter 100 Exemplaren. Das ist, in Anbetracht des riesigen Rheingebiets und der geringen personellen Ressourcen, ganz sicher aber nur die Spitze eines Eisbergs, es muss mit einer sehr hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fische gerechnet werden. 2019 wurden allein an der Staustufe Iffezheim 30, an der darüber liegenden Staustufe Gambsheim 26 erfasst, weitere Nachweise gab es vom Neckar, aus der Mosel und der Sieg, sowie, schon 2018, zwei Fische sogar in der Nidda. Insgesamt wurden von 2008 bis 2019 knapp 1.000 Maifische wieder im Rhein registriert. Der erste Nachweis abwandernder Jungfische gelang 2010 im Niederrhein. Er konnte seither mit über 100 Exemplaren mehrmals wiederholt werden. Der Maifisch ist in das Rhein-System definitiv zurückgekehrt, die Population ist jedoch noch nicht groß genug, um sich selbst zu erhalten.

Da kommt dem seit einigen Jahren stattfindenden Monitoring von Laichaktivitäten eine besondere Rolle zu. Dieses erfolgt hauptsächlich akustisch, d. h. durch Verhören des Liebesspiels bei der Fortpflanzung: Bei dem Laichakt verfolgen sich die Partner eng im Kreis schwimmend und mit den Schwanzflossen laut plätschernd an der Wasseroberfläche, das Wasser ‚kocht’, in etwa wie Brassenlaichen hoch drei. Der französisch „bull“ (dt. etwa Blase, Aufwallung) genannte Laichtanz findet zwar in der Dämmerung oder nachts statt, ist aber weithin zu hören und auch mit automatisierten Umwelt-Mikrophonen gut zu erfassen, mit denen der Manpower-Einsatz deutlich verringert werden kann. Er ist mit Nachtsichtgeräten, die im Projekt bisher leider noch nicht in ausreichender Anzahl vorhanden sind, auch sehr gut zu sehen. Ein Videobeispiel davon aus Frankreich findet sich unter dem Link https://www.umwelt-campus.de/projekt-maifisch . Die akustische und direkte visuelle Beobachtung ist im Rheinsystem bisher erst in sehr wenigen Fällen gelungen. 2019 wurde das Laich-Monitoring an folgenden Stellen im Rheinsystem durchgeführt: An Rhein und Mosel bei Koblenz; am Main bei Mainz-Kostheim; am Neckar bei Ladenburg und am Illinger Altrhein und Auerköpfle etwas südlich von Karlsruhe. Ein direkter Nachweis von Laichakten gelang dabei nur Timo Seufert vom Frankfurter Büro für fischökologische Studien (BfS) unterhalb der Main-Staustufe in Kostheim – das ist an der Grenze des Verbandsgewässers des VHF! Hier konnten am 13. und 14.6.2019, trotz großer akustischer Störungen vom Stauwehr und Kraftwerk her, insgesamt sechs Laichvorgänge (Bulls) sicher dokumentiert werden. Wie Timo Seufert aktuell mitteilt, haben auch 2020 wieder Maifische am Wehr in Kostheim abgelaicht, dieses Jahr schon sehr früh Mitte Mai. Das sind große Schritte hin zu mehr Vertrauen in eine selbständige Zukunft des Maifischs im Rhein. Der aus solchen Laichvorgängen entstehende natürliche Nachwuchs kann übrigens sehr genau von den besetzten Jungfischen unterschieden werden: Alle in der Fischzucht in Frankreich aufgezogenen Maifischlarven werden vor dem Transport in einem Wasserbad chemisch markiert. Die Markierung ist in den Ohrsteinchen (Otolithen), die gewissermaßen eine Datenbank der Lebensgeschichte eines Fischs darstellen, unter fluoreszierendem Licht für den Fischbiologen deutlich sichtbar. Fische aus Naturverlaichung haben die Markierung nicht.

Das klassische Monitoring umfasst weiterhin akustische und visuelle Beobachtung an Laichplätzen, Reusenkontrollen in Fischpässen an Staustufen, Auswertungen von Angler- und Berufsfischerfängen und Totfunden, sowie Treibnetzbefischungen auf Adulte und das Monitoring der absteigenden Jungfische mit Aalschokkern im Niederrhein. Hinzu kommen seit den letzten Jahren noch mehrere universitäre Projekte: Der Umweltcampus Birkenfeld der Hochschule Trier unter Prof. Peter Stoll hat im Rahmen der Projektförderung eine Doktorarbeit an die Biologin Elodie Boussinet ergeben. Diese befasst sich u. a. mit der Erforschung des Verhältnisses von natürlicher Reproduktion zu Besatzfischen, der Ermittlung des Herkunftsgewässers von juvenilen Absteigern und der Zeit, die im Süßwasser und Meerwasser verbracht wurde, durch mikrochemischen Nachweis der „chemischen Signatur“ des einzelnen Gewässers in den Ohrsteinchen des Fisches. Hierzu werden 2020 in Tank-Versuchen auch die chemischen Signaturen der einzelnen Gewässer ermittelt.

Weitere Projekte werden von der Biologin Kathrin Mäck vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau, durchgeführt: Sie erforscht u. a. aus Schuppenproben die genetischen Eigenheiten individueller Fische, die eine Zuordnung zur Herkunft und -ähnlich dem menschlichen Vaterschaftstest- sogar zu einzelnen Elternfischen möglich machen können. Dazu wird eine Gen-Datenbank aller Elternfische aus der Zucht in Südwestfrankreich entwickelt. Sie bearbeitet außerdem die Homepage (https://www.maifischprojekt.de/ ) und die weitere Öffentlichkeitsarbeit des Maifisch-Projektes. Darüber hinaus hat sie, als Schritt zur Verbreiterung der Beobachtungsbasis, 2019 ein „Student Science“-Projekt ins Leben gerufen. Interessierte Studenten wurden als Beobachter geschult und erhielten wohnortnahe, vielversprechende Beobachtungsstellen am Rhein zugeteilt. Die Resonanz im ersten Jahr war noch verhalten, doch kann man für die Zukunft davon noch mehr erwarten.

„Angler Science“
Angelfänge von Maifischen sind angesichts der zunehmenden Aufsteigerzahlen nicht mehr unwahrscheinlich. Wir bitten alle Angler, die einen ungewöhnlichen, ungefähr heringsartigen Fisch fangen, davon unbedingt einige gute, möglichst mit GPS-Daten versehene, Fotos zu machen und diese mit der Angabe von Fundort, Datum und Einsender-Adresse versehen an den Verband Hessischer Fischer zu senden (vhfnat@hessenfischer.net oder Rheinstraße 36, 65185 Wiesbaden). Gleiches gilt für Totfunde und eventuelle akustische oder visuelle Beobachtungen von Laichtänzen (Bulls), die von Mitte Mai bis Ende Juni auftreten können. Um das Projektteam zu entlasten, bitten wir um Zusendung der Angler-Meldungen zunächst an den VHF. Wir werden sie vorbearbeiten und den gesicherten Anteil von Maifischmeldungen an das Projektteam weiterleiten. Jeder mit Foto oder Video sicher dokumentierte Maifisch oder Laichtanz vom hessischen Rhein- oder Maingebiet wird vom VHF mit 10 € honoriert, maximal jedoch 50 Meldungen pro Jahr (biologische Profis sind ausgeschlossen). Wie erkennt man einen Maifisch? Eine gute Bestimmungshilfe findet sich unter dem Link www.lanuv.nrw.de/alosa-alosa-2011/de/maifisch/bestimmungshilfe.html . Wichtige Merkmale sind der tief gegabelte Schwanz, gekielte Bauchschuppen, die seitlich zusammengedrückte Form und eine mittige Einkerbung im Oberkiefer. Der schwarze Punkt hinter dem Kiemendeckel ist, besonders bei Totfunden, manchmal kaum sichtbar. Um die Unterscheidung zur Finte braucht man sich in Hessen keine Mühe zu machen: Die kleine Verwandte kommt nicht bis Hessen, sie stieg auch früher nie über den Niederrhein hinaus auf.

Wir werden diese beginnende Erfolgsgeschichte weiter verfolgen und gelegentlich wieder darüber berichten. Es lebe der Maifisch!

Rainer Hennings
VHF-Referent Naturschutz

 

 

Fotos:
Galerie 1 – alle Fotos R. Hennings

Galerie 2 – in der Reihenfolge der Bilder
GIS-Karte: R. Hennings, Kartenunterlage: Top. Karte 1:25.000 v. Hessen (TOP 25) der HKKV.
Isabelle Caut, MIGADO
Timo Seufert

 

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