Naturerfahrung für Engagement im Naturschutz extrem wichtig
Tagungsort war in diesem Jahr das Umweltbildungszentrum (UBZ) „Schatzinsel Kühkopf“ im historischen Hofgut Guntershausen. Es befindet sich in Hessens größtem Naturschutzgebiet „Kühkopf-Knoblochsaue“.

Am frühen Samstagmorgen des 18. März machten sich die aus allen Teilen Hessens angereisten Naturschutzbeauftragten sowie einige Gäste, die sich für unsere Naturschutzarbeit interessieren auf den Weg vom Parkplatz vor der Stockstädter Brücke zum UBZ. Das Befahren der Rheininsel mit PKW´ ist nicht erlaubt und so konnten alle schon jetzt einen ersten Eindruck von diesem einmaligen Gebiet gewinnen.

Im Umweltbildungszentrum angekommen wurden alle Teilnehmer sowie die Gastreferenten der Tagung Frau Dr. Julia Gaye-Siessegger von der Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg Langenargen und Herr Ulrich Androsch, Geschäftsführer des Gewässerverbandes Bergstraße sehr herzlich von Frau Dr. Semiramis Pyriki und dem Referenten für Naturschutz Rainer Hennings begrüßt.

Frau Dr. Pyriki freute sich, dass der Leiter des UBZ Herr Ralph Baumgärtel am Nachmittag mit einer Führung durch den Nordflügel  des Hofgutes auch einen Einblick in die Ausstellungen geben wird und für gebietspezifische Fragen der Teilnehmer zur Verfügung steht.

Nach einer kurzen Einführung in das Tagungsprogramm wurde ein Kurzfilm über das Naturschutzgebiet „Kühkopf-Knoblochsaue“ gezeigt. Dadurch bekamen die Teilnehmer einen Einblick in die Vielfalt der Fauna und Flora und die Schönheit des größten Naturschutzgebietes Hessens, das Europareservat und Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes Natura 2000 ist.

Im Anschluss ging es zum ersten Vortrag:

  • „Kormoran und Fische
    –wenn eine geschützte Art geschützte Arten frisst“

In Baden-Württemberg werden seit mehr als 20 Jahren Fischbestandsuntersuchungen an ausgewählten Fließgewässern durchgeführt, um laut Frau Dr. Gaye-Siessegger den Einfluss des Kormorans auf die Fischbestände zu untersuchen. In den Fließgewässern werden mehrere Probestrecken befischt, die hinsichtlich der Struktur und der Wasserqualität vergleichbar sind, die sich aber in Bezug auf die Einflugintensität durch Kormorane unterscheiden. Frau Dr. Gaye-Siessegger sagte, dass dadurch die Unterschiede im Fischbestand stark durch den Faktor Kormoranfraß beeinflusst werden. Sie erläuterte, dass intensive Prädation durch Kormorane zu folgenden Störungen in einem Fischbestand führen können: 1. deutlich geringerer Nachweis von Fischen, die normalerweise eine Gewässerregion prägen, 2. gestörter Alters- und Längenklassenaufbau (Fehlen der Fische, die vor der Reproduktion stehen) und 3. hohe Anzahl verletzter Fische. Frühere Untersuchungen am Knielinger See und einem Fließgewässer haben laut Frau Dr. Gaye-Siessegger gezeigt, dass künstlich geschaffene Strukturen nicht geeignet sind, einem Wegfraß von Fischen durch Kormorane  entgegen zu wirken, vielmehr können Strukturen diesen sogar begünstigen. Die Ergebnisse sind in den Kormoranberichten der Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg dargestellt (www.lazbw.de). Für den Bodensee-Untersee konnte in Mageninhaltsuntersuchungen im Winter 2011/12 und 2012/13 gezeigt werden, dass ein hoher Anteil wirtschaftlich wichtiger Fischarten durch Kormorane entnommen wurde. Auch geschützte Arten, wie Strömer, Bitterling und Mühlkoppe, wurden in Mägen von am Rhein geschossenen Kormoranen gefunden.

Zehn Bundesländer haben derzeit eine Kormoran-Verordnung, zwei Bundesländer (Hessen und Nordrhein-Westfalen) haben Erlasse.  In Baden-Württemberg dürfen nach der derzeit gültigen Verordnung Kormorane außerhalb von Vogelschutzgebieten, Naturschutzgebieten und einigen weiteren Gebieten auf oder an einem Gewässer bis zu einem Abstand von 200 m in der Zeit vom 16. August bis zum 15. März geschossen werden (Flächenlösung), berichtete die Referentin. Nach der Verordnung können höhere Naturschutzbehörden in Einzelfällen Ausnahmen und Befreiungen von dem Verbot des Abschusses in Schutzgebieten zulassen. Derzeit sind in sechs Schutzgebieten Eingriffe möglich.

Die EU-Kommission hat eine Leitlinie mit praktischen Hinweisen zur Anwendung von Ausnahmeregelungen nach der Vogelschutzrichtlinie erarbeitet. Frau Dr. Gaye-Siessegger wies auf wichtige Aussagen in diesem Dokument hin, so wird keine Unterscheidung zwischen Schäden in der Berufs- und Angelfischerei gemacht und es wird  kein Konflikt zwischen einem Kormoran-Management und der Vogelschutzrichtlinie gesehen, sodass also auch das Entfernen und Verhindern von Brutkolonien und Schlafplätzen möglich ist.

Nach einer kurzen Pause ging es auch gleich zum zweiten Vortrag des Vormittags:

  • Oberflächengewässer – WRRL-Strukturdefizit= 99,43 % -was tun?

Ulrich Androsch, Geschäftsführer des Gewässerverbandes Bergstraße, referierte über die Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) im Kreis Bergstraße, welche stellvertretend für stark urbanisierte Regionen, mit einer ökologischen Defiziteinstufung von 90-100 % aller Oberflächengewässer einen enormen Kostenrahmen beinhaltet.

Dichte Bebauung, intensive landwirtschaftliche Flächennutzung und begleitende Hochwasserdeiche bestimmen das Landschaftsbild im südhessischen Ried über weite Bereiche. Natürliche Gewässerläufe finden sich in der Ebene überhaupt nicht mehr, im östlich angrenzenden Mittelgebirge des Odenwaldes meist auch erst oberhalb der letzten Siedlungsflächen, berichtete Ulrich Androsch. Maßgebliche WRRL-Defizitparameter sind Strukturgüte und Wanderhindernisse. Die „Abarbeitung“ dieser erfolgt oftmals durch die Betriebshöfe im Alltagsgeschäft der allgemeinen Gewässerunterhaltung. Wanderhindernisse werden dabei –meist innerhalb der bestehenden Gewässerparzelle- durch Rückbau oder Anrampung durchgängig gestaltet, immer mit starkem Augenmerk auf die Tauglichkeit für schwimmschwache Arten und das Benthos, erläuterte Ulrich Androsch. Er erklärte, dass eine Verbesserung der Struktursituation aufgrund des starken Kanalisierungsgrades bereits mit Einbau von kleinen Störelementen zu erzielen ist, womit die vorherrschende Monotonie in Tiefe, Uferlinie, Sedimentationsvorgängen, Strömungsverhalten usw. wirksam aufgebrochen werden kann. Die Ausführung erfolgt immer in ingenieurbiologischer Bauweise mittels natürlichen Elementen- bzw. Baustoffen. Auch ohne einem qualifizierten Monitoring ist mit bloßem Auge bereits nach kurzer Zeit eine starke (Wieder-) Besiedlung festzustellen. Da die Siedlungsflächen- bzw. Privatgrundstücke meistens bis an das Gewässer reichen, ist bei allen Maßnahmen die Aufrechterhaltung des vorhandenen Hochwasser-Schutzgrades zu gewährleisten. Ulrich Androsch wies darauf hin, dass es neben den kleinen ökologischen Aufwertungsmaßnahmen zur wirksamen Revitalisierung eines weitgehend verbauten Gewässers auch großer, streckenlanger Projekte bedarf, die aufgrund der Angrenzersituation zum Teil sehr umfangreiche Planungs- und Genehmigungsprozesse sowie eine hohe Kompromissfähigkeit und aufwendige Begleitbürokratie erfordern. Ulrich Androsch betonte, dass neben Bürokratie und Kosten die fehlende Grundstücksverfügbarkeit das hauptsächliche Hemmnis in der Umsetzung der WRRL ist. In Südhessen stellen derzeit viele mit der Umsetzung der WRRL beauftragte Wasserverbände Anträge auf Flurneuordnung entlang aller noch nicht angrenzend bebauter Gewässerabschnitte. Für den Kreis Bergstraße, aus dem Ulrich Androsch berichtete, bedeutet dies, dass für die benötigten Entwicklungskorridore von rund 150 km WRRL-Gewässer, Flurneuordnungen in der Größenordnung von ca. 100 ha Gewässerrandstreifen beantragt werden.  Ulrich Androsch sagte, dass eine Zielerreichung der WRRL bis 2027 trotzdem sehr fraglich erscheint.

Nach den Vorträgen war Zeit für Fragen und Diskussionsbeiträge der Teilnehmer. Auch die anschließende Mittagspause, in der für das leibliche Wohl bestens gesorgt war, wurde für angeregte Gespräche der Teilnehmer untereinander genutzt.

Am Nachmittag begrüßte dann der Leiter des Umweltbildungszentrums (UBZ) Schatzinsel Kühkopf Ralph Baumgärtel (Hessen Forst) die Tagungsteilnehmer zum Programmpart

  • Historischer und naturschutzfachlicher Exkurs zum Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue und zum Umweltbildungszentrum

Im Zuge der einstündigen Führung durch den Nordflügel des Hofgutes Guntershausen beschrieb er Ziele und Strategien des Umweltbildungszentrums und erläuterte die Besonderheiten der Hessischen Auenlandschaft. Träger des UBZ ist das Regierungspräsidium Darmstadt, Betreiber ist Hessen Forst.

Das Umweltbildungszentrum ist Teil des Besucherlenkungssystems für Hessens größtes Naturschutzgebiet, Europareservat und NATURA 2000 Gebiet „Kühkopf-Knoblochsaue“. Auf Grund der Lage im Ballungsraum wird das Gebiet an manchen Tagen von sehr vielen Besuchern frequentiert. Um UBZ sollen diese für die Belange des Schutzgebietes und den nachhaltigen Umgang mit Natur und Landschaft sensibilisiert werden. Das Naturschutzgebiet ist durchzogen von einem gut ausgeschilderten Wegenetz und es gibt darüber hinaus Beobachtungsstände, Schutzhütten und weitere Informationssysteme im Gebiet, die es dem Besucher ermöglichen, die Schönheiten der Auenlandschaft kennen zu lernen, ohne das Gebiet zu beeinträchtigen.

Darüber hinaus ist es eine wesentliche Aufgabe des UBZ für den nachhaltigen Umgang mit unseren Flusslandschaften zu werben und das Ökosystem Flussaue allgemeinverständlich aufzubereiten. Die Dauerausstellung „Mitten im Fluss“ greift hier die wichtigsten Aspekte auf und verdeutlicht, warum wechselnde Wasserstände für diesen Lebensraum und viele Arten lebensnotwendig sind, erläuterte Ralph Baumgärtel.

Am Schluss des Vortrages beschrieb Herr Baumgärtel Angeln gerade für junge Menschen als emotionalen Einstieg in eine Naturerfahrung, die für ein Engagement in Sachen Naturschutz extrem wichtig ist. Er erläuterte die Restriktionen für das Angeln im NSG und verwies auf die Notwendigkeit solcher Regelungen zum Schutz von störungsempfindlichen Vogelarten. Er lobte die Angler, die sich überwiegend sehr verantwortungsvoll verhalten und als Multiplikatoren im Naturschutz eine wichtige Rolle spielen. Von den Verbandsvertretern „wünsche er sich manchmal ein konsequenteres Engagement für sinnvolle Maßnahmen der Besucherlenkung, insbesondere, wenn es darum geht, den störenden Kraftfahrzeugverkehr in dem Naturschutzgebiet zu Gunsten der stillen Erholung zurück zu drängen.“

Die Teilnehmer erfuhren viel Interessantes im Gespräch mit Ralph Baumgärtel und waren begeistert von der lehrreichen, sehenswerten Ausstellung „Mitten im Fluss“.

Anschließend trafen sich die Naturschutzbeauftragten wieder im Tagungsraum und Rainer Hennings übernahm den letzten Programmteil. Zunächst stellte er kurz die Kormoransituation in Hessen dar. Danach gab er einen Überblick über die Änderungen der Hessischen Fischereiverordnung. In seinen Ausführungen stellte er die alte HFO und die neue HFischV gegenüber.

Zum Abschluss bedankte sich Dr. Semiramis Pyriki bei allen und gab den Termin für die nächste Tagung, die in Nordhessen stattfinden wird, zur Vormerkung im Terminkalender bekannt: 17. März 2018

Dr. Semiramis Pyriki
Referat Naturschutz

.l.n.r. Referentin Dr. Julia Gaye-Siessegger (Langenargen),
Rainer Hennings, Dr. Semiramis Pyriki, Dr. Susanne Vietze (VHF)
Foto: Jürgen Pyrikis

Umsetzung WRRL
Foto: Ulrich Androsch

Rainer Hennings (3.v.r.) und Ralph Baumgärtel (3.v.l.) im
Dialog am flutbaren Kühkopfmodell
Foto: Dr. Semiramis Pyriki

Dr. Semiramis Pyriki bedankt sich für den Vortrag bei
Referent Ulrich Androsch
Foto: Anette Schwarz

Interessierte Zuhörer beim Vortrag von Ralph Baumgärtel
Foto: Dr. Semiramis Pyriki