Tagung der Naturschutzbeauftragten 2015

 
Thementag "Flusskrebse"
 

Schotten, die Stadt im Herzen des erloschenen Vulkangebietes Vogelsberg in der Mitte Hessens war der Tagungsort des diesjährigen Treffens der Naturschutzbeauftragten unseres Verbandes am 21. März.

"Die Veranstaltung ist zwar in erster Linie für unsere Naturschutzbeauftragten gedacht und dient dem Austausch von Erfahrungen aus der täglichen Naturschutzarbeit untereinander sowie dem gegenseitigen Kennenlernen, aber Gäste sind auch immer herzlich willkommen", so Frau Dr. Semiramis Pyriki. Das Interesse an der Tagung war auch in diesem Jahr wieder groß und der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, als Dr. Semiramis Pyriki die Naturschutzbeauftragten, Referenten und Gäste im Hotel "Haus Sonnenberg" aufs herzlichste begrüßte. Allein die Titel der Referate machten neugierig und versprachen viel Interessantes zu erfahren. Dieses Jahr stand das Thema "Flusskrebse" im Mittelpunkt.

Dr. Semiramis Pyriki mit den drei Referenten der Tagung
(v.l. W. Klein, R. Hennings, Dr. Ch. Chucholl)
Aufmerksame Zuhörer
Fotos: J. Pyrikis

Umsetzung der Hessischen Biodiversitätsstrategie
- Aus der Arbeit des VHF -


Das Tagungsprogramm begann mit einer Power Point Präsentation von Winfried Klein, die er bereits bei der Regionalkonferenz Mittelhessen vor einem Fachpublikum in der Naturschutz-Akademie im November 2014 gehalten hatte. Winfried Klein zeigte in seinem Referat den Einsatz und die Anstrengungen des Verbandes Hessischer Fischer bei der Umsetzung der Hessischen Biodiversitätsstrategie an zahlreichen Beispielen auf. Die Ziele der Biodiversitätsstrategie, die 2013 durch die Landesregierung verabschiedet wurde, sollen bis 2020 erreicht werden und so zum Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen. Die Aufgabenbereiche der Fischerei umfassen den aquatischen Lebensraum, die angrenzenden Ufer und die dazugehörige Aue. Fast 70 % aller Tierarten leben in diesem Bereich, der somit der artenreichste in unserer Natur ist. Winfried Klein zeigte in seinem Bericht an konkreten Projekten auf, wie die hessische Fischerei in verschiedenen Gewässern an der Lachs-, Meerforellen-, Maifisch-, Nasen-, Schneider-, Karauschen- und Bitterling-Wiederansiedlung arbeitet. Verschiedene Projekte beschäftigen sich mit vom Aussterben bedrohten Muschelarten (Bachmuschel, Flussperlmuschel) und Krebsen (Edelkrebs und Steinkrebs). Winfried Klein legte dar, wie der Verband Hessischer Fischer und seine Vereine durch zahlreiche Aktionen und Maßnahmen, wie z.B. Nisthilfen für Eisvogel und Wasseramsel, Libellenschutz durch artenreiche emerse (über die Wasseroberfläche hinauswachsende) Wasserflora und bei vielen anderen in und an Gewässern heimischen Arten aktiv bei der Umsetzung der Ziele mitwirkt. Als weitere Beispiele zum Erhalt und der Verbesserung der Artenvielfalt und deren Lebensräume, die unser wichtigstes Anliegen sind, sind u.a. die erfolgreiche Wiederansiedlung der Schwanenblume (Blume des Jahres 2015) an der Lahn, Fischschutz in Wasserkraftanlagen, hier insbesondere der Aalschutz, die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie und Einhaltung des Verschlechterungsverbotes zu nennen.

Von Aliens und einer Killeralge: gebietsfremde Flusskrebse in Deutschland



Dr. Christoph Chucholl bei seinem Vortrag
Foto: J. Pyrikis

Zu dem zweiten Vortrag des Vormittags war Dr. Christoph Chucholl von der Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg in Langenargen angereist. Er hielt einen sehr interessanten, lehrreichen und äußerst lebendigen Vortrag mit dem Titel: "Von Aliens und einer Killeralge: gebietsfremde Flusskrebse in Deutschland". Herr Dr. Chucholl berichtete, dass mitteleuropäische Binnengewässer der Schauplatz zahlreicher, teils spektakulärer biologischer Invasionen von gebietsfremden Flusskrebsarten sind. Er legte dar, dass über verschiedene Einfuhrvektoren aus Nordamerika eingeschleppte Arten (Kamberkrebs, Signalkrebs, Roter Sumpfkrebs, Kalikokrebs und Marmorkrebs) längst zur Hauptursache für das schleichende Aussterben der heimischen Flusskrebse (Edelkrebs, Steinkrebs und Dohlenkrebs) geworden sind und bereits große Flusssysteme dominieren. Die nordamerikanischen "Aliens" verdrängen die heimischen Arten durch direkte Konkurrenz und Übertragung der für europäische Flusskrebse tödlichen Tierseuche "Krebspest". Dr. Chucholl wies darauf hin, dass in größeren Flüssen und geringen Höhenlagen der "älteste" Invasor aus Nordamerika, der Kamberkrebs, bereits annähernd flächendeckend verbreitet ist und dort eine Wiederbesiedlung durch den Edelkrebs verhindert. Rückzugsgebiete für die heimischen Arten bilden rasch fließende Gewässeroberläufe, da diese von dem Kamberkrebs gemieden werden. Die massive Ausbreitung des Signalkrebses, die seit einigen Jahren zu beobachten ist, ändert diese Situation aber grundlegend: Signalkrebse dringen aktiv in kleinere Fließgewässer und Gewässeroberläufe vor, wo sie vielfach zum Aussterben der noch vorhandenen Bestände der heimischen Arten führen, erläuterte Dr. Chucholl. Die überwiegende Anzahl der jüngeren Krebspestausbrüche bei heimischen Flusskrebsen, besonders bei Steinkrebsen, lässt sich z.B. auf die Ausbreitung des Signalkrebses zurückführen. Durch die hohe Verwechslungsgefahr mit heimischen Arten, die regelmäßig zu Fehlbesatz führt, wird diese beschleunigt. Dabei gefährden Signalkrebse nicht nur die heimischen Flusskrebse: auch Fischbestände können bei hohen Signalkrebsdichten deutlich verarmen und als Ökosystemingenieure verändern sie zudem die physikalische Gewässerbeschaffenheit, beispielsweise durch Grabaktivität, betonte Dr. Chucholl. Verantwortungsbewusstes Handeln und Aufklärung aller Gewässernutzer über die Gefahren von fremden Flusskrebsen und die Krebspest sind deshalb essentielle Schutzmaßnahmen für unsere heimischen Krebsarten und Gewässerlebensgemeinschaften. Durch gezielten Besatz in isolierte Stillgewässer kann der heimische Edelkrebs außerdem effektiv gefördert werden.

Von Scherenhamstern und Wassertaliban: Flusskrebse in Hessen und das Krebsprojekt des VHF


Im anschließenden Vortrag "Von Scherenhamstern und Wassertaliban" beleuchtete Rainer Hennings die Verbreitung der zwei heimischen Krebsarten in Hessen anhand der Ergebnisse des Flusskrebsprojekts des Verbandes Hessischer Fischer e.V. und verschiedener Artenschutzmaßnahmen des RP Darmstadt, an denen er beruflich beteiligt ist. Die Situation in Hessen stellt sich ganz ähnlich dar, wie in dem vorangegangenen Referat von Dr. Christoph Chucholl allgemein beschrieben. Der Edelkrebs hat sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet fast vollständig an invasive amerikanische Flusskrebse verloren und der ehemals in Süd- und Mittelhessen in den höher gelegenen Bächen der Mittelgebirge flächendeckend vorhandene Steinkrebs kommt nur noch in zwei isolierten Gebieten im Taunus und im Odenwald vor, berichtete Rainer Hennings. Hauptursache für den Rückgang ist die Übertragung des Erregers der Krebspest. Im Taunus gingen in den letzten Jahren mehrere Steinkrebsbestände durch Krebspestausbrüche verloren. Im Odenwald war ein in 2008 noch sehr guter Bestand 2014 nicht mehr nachweisbar, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, so Rainer Hennings. Der Erreger ist ein Oomycet (Eipilz) der den Algen näher steht als den Pilzen ("Killeralge"). Rainer Hennings betonte, dass er neben direktem Kontakt mit amerikanischen Flusskrebsen, auch durch das Wasser (Besatzfisch-Transportwasser) oder feuchte Gegenstände (Wathosen, besonders solche mit Filzsohlen, feuchte Kescher und Schmutzanhaftungen an Stiefeln etc.) übertragen werden kann. Angler müssen deshalb in Revieren mit heimischen Krebsen besondere Vorsorge treffen. Hennings zeigte anhand der praktischen Erfahrungen aus dem Signalkrebs-Bekämpfungsprojekt des RP Darmstadt und aus der sich mehrenden wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema, auch den stark negativen Einfluss auf, den dichte Signalkrebsbestände auf Uferbeschaffenheit und Fischbestände haben. Das beste, was von dichten Signalkrebsbeständen betroffene Gewässerpächter für ihre Fischbestände tun können, ist daher massiver Fang und Verwertung von Signalkrebsen, sie schmecken hervorragend, berichtete Rainer Hennings aus eigener Erfahrung. Beratung erhalten Sie kostenlos beim Verband Hessischer Fischer e.V.

Besuch der Edelkrebszucht Björn Kral

Nach der Mittagspause machten wir uns dann auf den Weg zur Edelkrebszucht von Björn Kral, der uns bereits erwartete. Er gab uns einen Einblick in seine Arbeit und erklärte den interessierten Teilnehmern die einzelnen Abläufe bei der Aufzucht. Das Bestreben von Björn Kral ist, mit seiner Zucht zur Arterhaltung der heimischen Edelkrebse beizutragen. Wie wir bereits in den Vorträgen am Vormittag gehört hatten, sind durch die Krebspest die früheren großen Bestände heimischer Krebse eingebrochen und deshalb ohne spezielle Maßnahmen durch den Menschen kaum zu bewahren. Aufgrund der Jahreszeit unserer Tagung war das Beobachten von Krebsen in natura noch nicht möglich. Deshalb hatte Björn Kral vorgesorgt und einige Krebse zur Anschauung in Wannen gesetzt. So konnten die Teilnehmer die Edelkrebse genau betrachten und auch einmal selbst in die Hand nehmen. Björn Kral erklärte die Erkennungsmerkmale und Besonderheiten der Krebse und beantwortete viele Fragen der wissbegierigen Naturschutzbeauftragten. Zum Abschluss unseres Besuches bot Björn Kral den Teilnehmern verschiedene selbstgebrannte Obstbrände zum Probieren an, die von allen sehr gelobt wurden.


Björn Kral stellt seine Edelkrebszucht vor Edelkrebse zum Anfassen
Fotos. Dr. S. Pyriki  

Der Termin für unsere nächste Naturschutzbeauftragtentagung steht bereits fest: 19. März 2016

Dr. Semiramis Pyriki
Referat Naturschutz