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Scherenhamster und Wassertaliban

 
Heimische und invasive amerikanische Krebse in Hessen - Fortbildungskurs des VHF für Gewässerwarte
am 4. Juni 2016 am Baggersee Okriftel in Hattersheim
 

"Jetzt haben wir Scherenhamster - da dürfen wir ja gar nichts mehr machen" rief entsetzt der Bauamtsleiter einer Odenwald-Gemeinde, als er erfuhr, dass auf dem Gelände eines für die Gemeinde sehr wichtigen Hochwasserschutzprojektes heimische Steinkrebse entdeckt worden waren. In der Tat ist der Steinkrebs eine der seltensten Tierarten in Hessen - die Sorge vor dem unumstößlichen Planungshindernis konnte dem Mann durch geschicktes Umweltmanagement in Planung und Bau aber trotzdem genommen werden. "Das sind ja Wassertaliban - die lassen gar nichts neben sich gelten", meinte Katja Hennings, als sie erfuhr, dass der Signalkrebs und der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ganze Ökosysteme umkrempeln und Fischbestände schwer schädigen können. Die Sorge aber wird uns bleiben.

Zwischen den beiden Polen ‚Schutz der wenigen verbliebenen Bestände heimischer Edel- und Steinkrebse' und ‚Auswirkungen der invasiven Arten auf Gewässer und Fischbestände und Möglichkeiten ihrer Eindämmung" bewegte sich denn auch der Vortrag des Lehrgangsleiters Rainer Hennings vom Referat Naturschutz des VHF. Gerade der Steinkrebs (Austropotamobius torrentium, vom Aussterben bedroht), der in Hessen nur in Taunus und Odenwald in wenigen, isolierten und kleinen Oberläufen noch vorhanden ist, bedarf des besonderen Schutzes auch durch die Fischer. Hauptgefahr ist hier die Übertragung der Krebspest, einer Erkrankung durch einen algenähnlichen Erreger, den man zu recht als "Killeralge" bezeichnen kann. Dieser für heimische Krebse tödliche Erreger wird durch amerikanische Flusskrebse verbreitet, wird aber auch durch seine Sporen im Wasser und in den Kiemen von Besatzfischen oder in feuchtem Angelgerät und -bekleidung übertragen. Die meisten Pächter von Steinkrebsbächen, die oft gleichzeitig als Kinderstuben der Bachforelle von besonderer Bedeutung sind, verzichten daher freiwillig auf Besatz und lassen Angelgerät und Watbekleidung vor dem Einsatz in einem Steinkrebsbach gründlich durchtrocknen oder desinfizieren es. Ähnliche Vorsicht ist auch den Bewirtschaftern von Gewässern zu empfehlen, die noch Bestände des Edelkrebses (Astacus astacus) aufweisen. Diese Gewässer sind, vor allem in Mittel- und Nordhessen, noch häufiger, hauptsächlich weil im Gegensatz zum Steinkrebs der Edelkrebs erfolgreich in Aquakultur vermehrt und dann zum Besatz verwendet werden kann. Gewässer, in denen sich amerikanische Krebse erst mal ausgebreitet haben, sind für diese zwei einzigen heimischen Arten auf Dauer verloren.

Schon fast drei mal so lang ist die hessische Artenliste der eingeführten Krebspestüberträger: Kamberkrebs, Signalkrebs, Roter Amerikanischer Sumpfkrebs, Kalikokrebs, Marmorkrebs. Drei Arten sind hier besonders gefährlich: Der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) wird sehr groß, ist sehr fruchtbar und kann auch kalte, schnell fließende Gewässer besiedeln und somit bis in die Steinkrebslebensräume aufsteigen. Er kann sehr hohe Dichten entwickeln und ist ein mächtiger Konkurrent heimischer Gewässerlebewesen. Der negative Einfluss dieser Art auf Fischbestände, besonders in Salmonidengewässern, wird in der wissenschaftlichen Literatur in den letzten Jahren immer deutlicher sichtbar. Extrembeispiel ist hier die Elsenz, ein Neckar-Nebenfluss nahe Heidelberg, den die Fischereivereine nur noch zum Fang von Signalkrebsen nutzen können - man kann das googeln. Aber auch hier im Odenwald gibt es bereits einen Bach, der nicht mehr verpachtet werden kann, weil die in gutem Glauben als "Edelkrebs" eingesetzten Signalkrebse den Fischbestand ruiniert haben. Was der Signalkrebs für die Fließgewässer, das ist der im Rhein-Main-Neckar-Gebiet bereits weit verbreitete Rote Amerikanische Sumpfkrebs (Procambarus clarkii) für die Baggerseen: Ein mächtiger "Ökosystem-Ingenieur", der die Nahrungsketten umkrempeln und den Charakter von Seen sehr stark verändern kann. Letztlich ist der Marmorkrebs (Procambarus fallax f. virginalis) eine besondere Gefahr: Die Art, die bisher nur aus dem deutschen Aquarienhandel beschrieben ist, ist zur echten Jungfernzeugung fähig und enorm fruchtbar. Der Erstnachweis in Hessen gelang 2008 R. Hennings in einem Graben nahe Frankfurt, seitdem sind noch mindestens zwei weitere dichte Vorkommen in Abbaugewässern im Rhein-Main-Gebiet und in Nordhessen bekannt geworden. Eine hohe Dunkelziffer ist anzunehmen. Der Einfluss des Marmorkrebses auf Ökosysteme im Freiland ist noch sehr unvollkommen untersucht. Aquarienstudien deuten aber darauf hin, dass er sehr groß sein könnte.

Heimische Flusskrebse sind in unseren Ökosystemen und Nahrungsketten gut eingenischt und stehen als "Gesundheitspolizei" der Gewässer wie als Fischbeute mit den Fischen in ihrer Umwelt in gutem Gleichgewicht. Die Invasiven sind agiler, aggressiver, fruchtbarer und setzen mit ihrer Ernährung an anderen Stellen der Nahrungskette an. Die Folge sind Nahrungs- und Deckungskonkurrenz und direkter Wegfraß von Eiern und Jungtieren der heimischen Fische, bis hin zum nahezu fischlosen Zustand, wie etwa in der oben genannten Elsenz.

Was können Angelfischer hier tun? Schutz durch Nutzung, dieses Motto unseres Verbandes wurde hier im praktischen Teil des Lehrgangs wortwörtlich demonstriert: Helfer der gastgebenden Vereine ASV Hattersheim e. V., in dessen gastfreundlichem Vereinsheim am Okrifteler Baggersee der Lehrgang stattfand, und SAC Taunusfischer e.V. Hofheim, der den Schwarzbach bewirtschaftet, hatten am Vorabend Reusen aufgestellt, die am Nachmittag des Lehrgangstages von den Teilnehmern gehoben wurden. Während die auf den bekannten Signalkrebsbestand im Schwarzbach ausgelegten Reusen wegen Hochwasser leider leer blieben, fischten die vier Reusen im Okrifteler Baggersee sehr erfolgreich auf den dort seit mehreren Jahren bekannten Roten Amerikanischen Sumpfkrebs. Als Botschaft für zu Hause bekamen die Teilnehmer mit, dass es im ureigensten Interesse eines mit Signalkrebsen oder Roten Amerikanischen Sumpfkrebsen geschlagenen Vereins liegen muss, diese Bestände durch intensive Reusenfänge zu reduzieren. Erleichtert wird dies dadurch, dass beide Arten ein ganz delikates Lebensmittel darstellen, der Signalkrebs vielleicht noch etwas mehr, weil an ihm einfach "mehr dran" ist. Wie gut amerikanische Flusskrebse sind, das zeigen im Auftrag des Regierungspräsidiums, Obere Fischereibehörde, seit mehreren Jahren im Odenwald und im Taunus durchgeführte Reduktionsbefischungen auf Signalkrebse unterhalb von Steinkrebs-Refugien. Im an guten Gaststätten wahrlich nicht armen Odenwald werden die jährlich mehrere tausend Stück Signalkrebse (und nicht nur weil unentgeltlich) sehr gerne gerade von Spitzenküchen abgenommen und als beste Qualität gelobt.
Die Delikatesse Flusskrebs konnte im Rahmen des Lehrgangs aus Zeitgründen leider nicht mehr zubereitet werden. Gelegenheit, das in Theorie und Praxis nachzuholen, bietet ein zweitägiger Lehrgang, der im Rahmen der Reduktionsbefischungen im Auftrag des RP Darmstadt am 24. und 25. September angeboten wird. Beginn ist am 24.9.16, um 10:00 im Vereinsheim des AV Bensheim u. Umgebung e.V., An der Erlache 21, 64625 Bensheim. Eingeladen sind hierzu nicht nur die Mitglieder der Hegemeinschaften in Odenwald und Taunus, in deren Gebiet Reduktionsbefischungen durchgeführt werden, sondern alle Angler, die an Fang und Verwertung von invasiven Krebsen zum Schutz heimischer Krebs- und Fischbestände interessiert sind. Anmeldungen bitte an den Projektleiter Odenwald, Rainer Hennings, r.hennings@hessenfischer.net . Bei ihm und beim VHF bekommen Interessierte auch Beratung und Hilfe bei allen Fragen um heimische oder exotische Flusskrebse. Empfehlenswert auch die Webseiten des VHF: http://hessenfischer.net/natur/natur_krebs.htm,
des RP Darmstadt: https://rp-darmstadt.hessen.de/irj/RPDA_Internet?cid=538f4abef771e91c1f93a46a768907d7
und das Edelkrebsprojekt NRW: http://www.edelkrebsprojektnrw.de .

Zum Schluss gilt unser Dank den Vereinen, bei denen wir zu Gast waren: Dem ASV Hattersheim mit seiner Vorsitzenden Elisabeth Tuma, die uns so hervorragend betreut und verpflegt hat, und dem SAC Taunusfischer Hofheim mit dem Vorsitzenden Michael Glauche.

Rainer Hennings
VHF-Referent Naturschutz

Die Kursteilnehmer mit Fang und Fanggerät. Auch ohne Flusskrebse sind alle satt geworden, hervorragend bekocht von Elisabeth Tuma (Bildmitte), Vorsitzende des ASV Hattersheim.
  Fotos R. Hennings