Veranstaltungen
 
 

Tagung der Naturschutzbeauftragten 2016

 
Förderung der Artenvielfalt
 

Katzenfurt, ein Ortsteil der Gemeinde Ehringshausen im Unteren Dilltal war in diesem Jahr der Tagungsort des alljährlichen Treffens der Naturschutzbeauftragten, das wie gewohnt am 3. Samstag im März stattfand. Bei den Vorbereitungen der Veranstaltung im Bürgerhof Katzenfurt am Vorabend der Tagung wurden wir tatkräftig durch den Vorsitzenden des ASV 1962 Katzenfurt e.V., Ulrich H. Hild unterstützt. Frau Dr. Semiramis Pyriki und der Referent für Naturschutz Rainer Hennings freuten sich, am frühen Samstagmorgen des 19. März 2016 die zahlreich angereisten Teilnehmer aus 19 verschiedenen Landkreisen und kreisfreien Städten sowie einige interessierte Gäste begrüßen zu können.
Aufs herzlichste begrüßt wurden die beiden Gastreferenten, Frau Dr. Dipl.-Agr. Biol. Beate Alberternst und Herr Dr. Dipl.-Biol. Stefan Nawrath von der Projektgruppe Biodiversität und Landschaftsökologie, Friedberg.
Nach einem kurzen Überblick über das vorgesehene Tagungsprogramm ging es gleich zum ersten Vortrag

     • Verwendung von gebietseignem Wildsaatgut - Chance für den Grünland-Artenschutz

Viele Grünlandflächen "neuen" Typs wären für die Anlage von Blumenwiesen geeignet, erläutere Dr. Nawrath in seinem engagierten Vortrag.
Durch die Verwendung von gebietseigenem Wild-Saatgut statt Zuchtsortensaatgut kann ein hoher Nutzen für den Arten- und Biotopschutz erzielt werden. Extensiv genutztes Grünland zählt zu den artenreichsten Biotoptypen Deutschlands, nicht nur für Pflanzenarten, sondern auch für eine reichhaltige Tierwelt, betonte Dr. Nawrath. Fließgewässer waren früher meist unmittelbar von artenreichen Wiesen umgeben, die im funktionalen Bezug dazu standen. Leider geht das artenreiche Grünland durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft immer mehr zurück und mit ihm viele Tier- und Pflanzenarten. Dr. Nawrath sagte, dass es auch auf außerhalb landwirtschaftlich genutzter Wiesen umfangreiche Grünflächen gibt, die ökologisch aufgewertet werden könnten. Beispiele sind Straßenbegleitflächen wie Böschungen, Kompensationsflächen (die als Ausgleich für Eingriffe angelegt wurden), Grünflächen im städtischen Bereich, Böschungen von Fließgewässern, Uferrandstreifen, Grünland unter Photovoltaikanlagen etc. Viele dieser Flächen werden extensiv gepflegt, ohne Düngung und Einsatz von Pestiziden. Leider wurden und werden diese Flächen in der Regel meist mit artenarmen gebietsfremdem Zuchtsortensaatgut eingesät und damit ökologisch denaturiert, bedauert Dr. Nawrath. Zuchtsortensaatgut ist auf bestimmte Leistungsziele gezüchtet, die Naturschutzzielen entgegenstehen. Hat sich das konkurrenzstarke Zuchtsortensaatgut erst einmal etabliert, ist es für Wildpflanzen schwierig dort Fuß zu fassen. So findet eine nachträgliche Artenanreicherung in der Regel nicht oder nur sehr langsam statt. In Deutschland werden jedes Jahr etwa 16.000 Tonnen Zuchtsortensaatgut zur Einsaat von Grünflächen verwendet. Durch die Verwendung von gebietseigenem Wild-Saatgut könnten innerhalb weniger Jahre blütenbunte artenreiche Wiesen entstehen. Dr. Nawrath legte dar, dass auch nachträglich artenarme Grasflächen zu artenreichen Wiesen renaturiert werden können. Hierzu ist der bestehende Gras-Bewuchs, beispielsweise durch Abschälen der Grasnarbe zu entfernen und mit einer geeigneten Saat zu begrünen. Auch die seit der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) zugunsten des Wildsaatgutes geänderte Rechtslage ist zu beachten: So soll gemäß § 40 (4) in der freien Natur Saatgut vorzugsweise nur innerhalb ihres Vorkommensgebietes verwendet werden. Die Soll-Regelung hat schon eine hohe Verbindlichkeit, von der nur im Ausnahmefall abgewichen werden kann, wenn beispielsweise das gebietseigene Saatgut zu einer unverhältnismäßigen Verteuerung führen würde. Ab 2020 wird die Rechtslage durch eine Muss-Regelung noch verschärft. Mit freier Landschaft sind Flächen gemeint, die sich in einem vom Menschen weithin unbeeinflusstem Zustand befinden. Hierzu zählen beispielsweise auch Straßenböschungen und Fließgewässer-Ufer innerhalb bebauter Ortslagen. Wenn Naturschutz im Vordergrund steht, sollten Begrünung mit naturraumtreuem Saatgut vorgenommen werden, betonte Dr. Nawrath. In diesem Fall stammt das Saatgut aus dem gleichen Naturraum wie die zu begrünende Fläche. Verbreitete Methode ist die Mahdgutübertragung, bei der der Wiesenaufwuchs der Spenderfläche zur Samenreife geschnitten und noch feucht auf der Empfängerfläche aufgebracht wird. Für einen guten Keimungs- und Etablierungserfolg sollte die Spenderfläche möglichst wenig Bewuchs aufweisen, erklärte Dr. Nawrath. Weiter legte er dar, dass derzeit in Hessen leider erst wenige Grünflächen mit gebietseigenem Saatgut begrünt worden sind. Es fehlt an Schulungsveranstaltungen zur neuen Rechtslage und einem Spenderflächenkataster, das bei Begrünungsvorhaben passende Spenderflächen vermittelt, betonte Dr. Nawrath. Er appellierte an alle, die Chancen für mehr artenreiches Grünland zu nutzen und für die Verwendung von gebietseigenem Wild-Saatgut statt Zuchtsortensaatgut zu werben.
Dr. Stefan Nawrath schließt seinen Vortrag mit der Frage: "Was wollen wir?
Artenreiche Blumenwiesen aus gebietsheimischen Wild-Arten
oder artenarme Gras-Wüsten aus Zuchtsortensaatgut ?"

     • Umgang mit problematischen Neophyten, insbesondere an Fließgewässern

Im Anschluss hielt Frau Dr. Alberternst einen sehr interessanten und lehrreichen Vortrag zum Umgang mit problematischen Neophyten. Sie legte dar, dass invasive gebietsfremde Pflanzenarten die Biodiversität an Fließ- und Stillgewässern erheblich gefährden können, indem sie standorttypische Pflanzenarten verdrängen und Habitatstrukturen oder den Gewässerchemismus massiv verändern. Dies kann sich negativ auf die Pflanzen- und Tierwelt auswirken. Zudem verursachen einige Arten erhebliche ökonomische Schäden, wie beispielsweise der Japanische Staudenknöterich, der Schäden an Uferbauwerken hervorrufen kann. Fließgewässer bieten zahlreichen in Deutschland als invasiv oder potenziell invasiv klassifizierten Pflanzenarten ideale Wuchs- und Ausbreitungsbedingungen, betonte Frau Dr. Alberternst. Samen oder austriebsfähige Spross- und Wurzelstücke können mit dem fließenden Wasser effektiv und über große Distanzen an Ufern und in Auen ausgebreitet werden. Frau Dr. Alberternst wies darauf hin, dass auch oft der Mensch - zumeist unbeabsichtigt - zur Einschleppung und Ausbreitung invasiver Arten an Gewässern beiträgt, z.B. durch Einschleppung mit an Gewässerufern abgelagertem Gartenabfall oder unbedacht, durch Entleeren von Aquarieninhalten in Teiche in der freien Landschaft. Mit Erdmaterial können invasive Pflanzen bei Baumaßnahmen an die Ufer oder in die Aue eingeschleppt und bei Erdbewegungen weiter ausgebreitet werden. Die Ansiedlung und Ausbreitung invasiver Pflanzenarten stehen dem Ziel einer naturnahen Gewässerentwicklung mit einer standorttypischen Vegetation entgegen. Einschleppung und Ausbreitung dieser Arten sollten daher effektiv verhindert werden, betonte Frau Dr. Alberternst. Der Umgang mit invasiven Arten ist gesetzlich mit § 40 im Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) geregelt, und besagt, dass einer Gefährdung der Biodiversität durch invasive Arten mit angemessenen Maßnahmen entgegengewirkt werden soll. Frau Dr. Alberternst erläuterte, dass die Umsetzung der Vorgaben in die Praxis aufgrund der Komplexität der Thematik jedoch eine große fachliche Herausforderung darstellt. Nicht jede als "invasiv" bewertete Pflanzenart ist an jedem von ihr besiedelten Wuchsort ein Problem für den Naturschutz. Es muss im Einzelfall entschieden werden, ob Maßnahmen angemessen und erfolgversprechend sind.
Frau Dr. Alberternst sagte, dass es prioritär ist, die Einschleppung invasiver Arten zu verhindern und bei Auftreten neuer Bestände eine Ausbreitung zu unterbinden. Wichtig dabei ist:

  • der Erhalt und die Förderung naturnaher Ufer- und Auenvegetation zur Behinderung der Ansiedlung invasiver Pflanzenarten
  • die Information der Öffentlichkeit (z.B. Problematik Gartenabfall, Entleeren von Aquarien),
  • die Information von Vorhabenträgern, Baugewerbe, Bauhöfen über die Problematik der Einschleppung von invasiven Arten mit Erde,
  • die Beobachtung der Gewässerufer auf neue Vorkommen, Entfernung problematischer Bestände veranlassen,
  • die prioritäre Entfernung von Vorkommen invasiver Arten von besonders ausbreitungsrelevanten Stellen, z.B. an Flussoberläufen, von denen aus eine Ausbreitung in große Auenbereiche erfolgen kann

Vor dem Hintergrund begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen, sollten Maßnahmen vorrangig gegen die problematischsten invasiven Arten in naturschutzfachlich hochwertigen und durch die Art gefährdeten Lebensräumen erfolgen, betonte Frau Dr. Alberternst. Sie wies darauf hin, dass vor der Umsetzung von in der Regel zeit- und arbeitsintensiven Maßnahmen ein Maßnahmenkonzept für das betreffende Gewässer entwickelt werden sollte. Hierin muß die Lage des Bestands innerhalb des Fließgewässersystems, das Vorkommen der Art im näheren Umfeld eines Bestands oder in Oberläufen (Abschätzung der Gefahr einer Wiedereinwanderung nach erfolgreicher Bekämpfung), des erwarteten Aufwands für die Entfernung des Vorkommens und der verfügbaren personellen und finanziellen Ressourcen über einen Zeithorizont, der bis zur Beseitigung erforderlich ist, berücksichtigt werden. Abschließend wies Frau Dr. Alberternst darauf hin, dass auch die Frage der Entsorgung des angefallenen Materials in einer Konzeption geklärt werden muß.

Die Vorträge vermittelten viele neue interessante Informationen und wichtige Hinweise, die unseren Naturschutzbeauftragten bei ihren Stellungnahmen nützlich sein werden und Berücksichtigung finden sollten.

In der Zwischenzeit hatte die Pächterin des Bürgerhofs, Frau Ruggera mit ihrem Team im Nachbarraum alles für das Mittagessen vorbereitet und die Teilnehmer konnten sich an einem reichhaltigen, sehr schmackhaften 3-Gänge-Menü mit verschiedenen Gerichten stärken. Die Naturschutzbeauftragten nutzten die Mittagspause auch ausgiebig zum Gedankenaustausch und zur Diskussion.

Am Nachmittag stand der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer auf dem Programm. Es wurden aktuelle Fälle vorgetragen und diskutiert, Fragen der Teilnehmer beantwortet, wie z.B. was zur Schadensberechnung nach Gewässerschäden zu beachten und notwendig ist.
Der stellvertretende Naturschutzbeauftragte für die Stadt Marburg, Dr. Udo Becker, brachte einen Diskussionsbeitrag zum Thema: "Planung Wasserkraftwerk Marburg ein. Was die Abflussstatistik hessischer Flüsse an Argumenten dagegen liefert".
Winfried Klein berichtete über die Veranstaltung "Faktencheck Wasserkraft" in Rotenburg a.d. Fulda, die im Rahmen des Hessischen Landesprogramms "Bürgerforum Energieland Hessen" am 17. März 2016 stattfand. Zu dieser Veranstaltung war er als Fachexperte und Referent unseres Verbandes zum Thema "Arten- und Naturschutzfachliche Aspekte und die europäische Wasserrahmenrichtlinie" eingeladen.
Weitere Themen des Nachmittags waren u.a. Ausgleichsmaßnahmen in Gewässernähe, Phosphorreduzierung in Kläranlagen und das Live-Projekt Living Rivers / Living River Lahn.

Die nächste Tagung der Naturschutzbeauftragen findet am Samstag, den 18. März 2017 statt.

Dr. Semiramis Pyriki
Referat Naturschutz

 

v.l.n.r. W. Klein, Dr. B. Alberternst, Dr. S. Pyriki, Dr. S. Nawrath, Dr. W. Wagegg, R. Hennings (1) Gedankenaustausch in der Pause (2)
Dr. Beate Alberternst und Rainer Hennings im Gespräch (3) Bestand des Riesenbärenklaus in der Fulda-Aue (23.05.2013 (4)
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(4) B. Alberternst