Veranstaltungen
 
 

Tagung der Naturschutzbeauftragten 2014

Aktuelle Themen auf der Tagesordnung
 
 
Am 15. März war es wieder so weit. Wie in jedem Jahr am 3. Märzsamstag hatten unsere ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten die Möglichkeit sich über aktuelle Themen zu informieren und auszutauschen, über Fragen aus der Naturschutzarbeit zu diskutieren und so von den Erfahrungen der anderen für die eigene Arbeit Anregungen zu erhalten . Gastgeber in diesem Jahr war der Angelsportverein Hanau e.V., der die Durchführung der Tagung hervorragend unterstützt hat. "So viele Teilnehmer wie in diesem Jahr hatten wir noch nie", freute sich Frau Dr. Semiramis Pyriki, die außer den mehr als 40 Naturschutzbeauftragten als Gast Dr. Stefan Spahn vom Deutschen Angelfischerverband (DAFV) sowie unseren Präsident Rjurik Nentwig und Vizepräsident Olaf Klein auf´s herzlichste begrüßte. Sicher lag der große Zuspruch an den sehr aktuellen Themen der Vorträge die auf der Tagesordnung standen und nicht zuletzt an den Referenten, den Diplom-Biologen Christoph Dümpelmann vom Büro für Fischbiologie und Gewässerökologie Marburg und Dr. Jörn Geßner vom Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin sowie Winfried Klein, Naturschutzbeauftragter unseres Verbandes und Vorsitzender der IG Lahn.

(1) Nach den Begrüßungsworten durch den Vorsitzenden des ASV Hanau Kurt Spitznagel ging es zum ersten Vortrag des Vormittags: "Die Rote Liste der Fische und Rundmäuler in Hessen". Fische auf der Roten Liste - Was bedeutet das? Christoph Dümpelmann, einer der Autoren der Neufassung der Roten Liste, auf deren Erscheinung wir schon seit längerer Zeit warten, legte dar, wie heute in Deutschland und europaweit Rote Listen erstellt werden. Einführend wurde gemäß den nationalen und internationalen Richtlinien gezeigt, welchen Zweck sie dienen und -bezogen auf die neue Rote Liste der Fische und Rundmäuler in Hessen- welche Konsequenzen dies für die Einstufung der Arten in Hessen hat.
Christoph Dümpelmann betonte in seinem Vortrag, dass eine Rote Liste kein rechtlich wirksames Instrument ist -der rechtliche Schutz von Arten wird in Gesetzen und Verordnungen geregelt.
Durch die besonders in Fließgewässern relativ gute Datenlage und das Zusammentragen dieser Daten im Zuge der Erstellung des hessischen Fischartenatlas konnte anhand der aktuellen Verbreitungskarten für einige Arten exemplarisch gezeigt werden, was unter den verschiedenen Begrifflichkeiten der BfN-Bewertungskriterien zu verstehen ist. Christoph Dümpelmann sagte, dass auf Grund der neuen, vorgegebenen Bewertungsvorgehensweise viele Arten in der neuen Roten Liste weniger gefährdet sind als in den alten Listen. Dies resultiert z.T. auf tatsächlicher Erholung der Bestände, z.T. auf einer verbesserten Datenbasis (Erkenntniszuwachs) sowie auf dem veränderten Bewertungsverfahren. Christoph Dümpelmann hob hervor, dass dennoch sogar nach den neuen, strengeren Bewertungskriterien die Karausche (Carassius carassius / RL = 1, vom Aussterben bedroht) und die Äsche (Thymallus thymallus / RL = 3, gefährdet) noch ebenso gefährdet sind wie früher. Die Zährte (Vimba vimba / RL = 1, vom Aussterben bedroht) musste sogar hochgestuft werden.
Mit 24 einheimischen Arten sind mehr als die Hälfte der 46 in Hessen vorkommenden Fischarten (incl. Rundmäuler) in einer der Roten-Liste-Kategorien gelistet. Zusätzlich treten in Hessen noch 24 gebietsfremde Arten auf.
Im Anschluß an die Ausführungen von Christoph Dümpelmann gab es Fragen und Anmerkungen der Anwesenden, die lebhaft und zum Teil sehr kontrovers diskutiert wurden.

Im zweiten Vortrag des Vormittags erfuhren die Teilnehmer viel Interessantes zum Fisch des Jahres 2014 -Der Stör-. Dr. Jörn Geßner, der aus Berlin vom Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und von der Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V., Rostock nach Hanau gekommen war, ist Koordinator des Projektes am IGB zur Wiederansiedlung des Europäischen Störs und berichtete über die Perspektiven der Wiederansiedlung.
Der Vortrag zum Fisch des Jahres fasste die Entwicklungen der Wiedereinbürgerungsbemühungen der letzten 18 Jahre zusammen. Einleitend versorgte der Vortragende die Anwesenden mit einem kurzen Abriss über den Rückgang der Art bis Mitte des 20. Jahrhunderts und der zugrundeliegenden Ursachen, die nach dem Stör auch die anderen Wanderfischarten an den Rand des Aussterbens brachte.
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Aktuelle Ergebnisse von Modellberechnungen zeigen, dass der Stör bedingt durch die späte Geschlechtsreife (12-18 Jahre bis zur ersten Reife) und den daraus resultierenden langen Generationsdauern extrem empfindlich auf Überfischung reagiert, wogegen sich die Reaktion auf Habitatveränderungen linear verhält, d.h. dass die Effekte proportional zur Beeinträchtigung der essentiellen Habitate ausfallen. In seinen Ausführungen erläuterte Dr. Geßner, dass letztlich drei Faktoren zum Aussterben des Störs und der anderen Wanderfische geführt haben: nicht nachhaltige Befischung, Gewässerverschmutzung und Habitatverluste, die zum Ende des 19. Jahrhundert kumulierten und kritische Größenordnungen erreichten.

(3) Dr. Geßner berichtete, dass aktuell für den Europäischen Stör , einer der international am stärksten geschützten Fischarten, in Kooperation zwischen Frankreich - wo die letzte natürliche Population in der Gironde beheimatet ist - und Deutschland im Rahmen eines Aktionsplans unter der Berner Konvention an einer mehrgleisigen Strategie gearbeitet wird. Seit 1996 wurden hierfür eine Reihe von Projekten durch das Bundesamt für Naturschutz, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und verschiedene Länder finanziert.
Aktuell werden im Rahmen der Besatzmaßnahmen in der Elbe als Zentrum der Bemühungen um 5000 Jungstöre jährlich besetzt, eine Zahl, die in den nächsten Jahren, auch durch die Einbeziehung lokaler Aufzuchtstationen auf mindestens 25000 Individuen gesteigert werden soll. Wichtig ist hierbei die Aufzucht mit Wasser aus den Flüssen für den Besatz, um eine frühe und sichere Prägung auf die neuen Heimatgewässer sicherstellen zu können. Auch die Steigerung der Fitness der Besatzfische steht ganz oben auf den Zielen für die nächsten Jahre.
Dr. Geßner wies darauf hin, dass ein potentiell erhebliches Problem für die Wiedereinbürgerung der Besatz von offenen Gewässern mit nicht einheimischen Stören darstellt. Die weite Verbreitung im Handel und das schnelle Wachstum machen Störe auch für Angler attraktiv. Es sollte aber beachtet werden, das Gewässer in der Überflutungsaue oder mit Zugang zu offenen Gewässern nicht als Zielgewässer geeignet sind, da die Einwanderer sich als Nahrungskonkurrenz, als Krankheitsüberträger und ggf. sogar durch Einkreuzung in den heimischen Bestand negativ auf die Bemühungen zur Arterhaltung auswirken können. Negative Effekte, die in keinem Verhältnis zu dem kurzfristigen Nutzen stehen.
Die zeitliche Perspektive für die Rückkehr der ersten Elterntiere wird um 2025 anvisiert. Bis zum Aufbau einer funktionsfähigen und stabilen Population wird es mit Sicherheit noch wesentlich länger dauern. Dr. Geßner wies darauf hin, dass dieses Szenario davon ausgeht, dass zumindest die nächsten 20 Jahre noch regelmäßig Jungfische zur Ergänzung der Population besetzt werden. Erste Erfolge der Arbeiten werden im Monitoring sichtbar, das auch auf Basis von Fangmeldungen aus der kommerziellen Fischerei zeigt, dass die Tiere gute Lebensbedingungen in der Elbe und ihren Nebengewässern vorfinden. In der Nordsee reicht die Verbreitung bereits bis nach Norddänemark. Erste Fische von 1m Länge (bei Besatzlängen zwischen 10 und 30 cm) liegen bereits vor.
Der interessante Vortrag zeigte deutlich auf, dass der Stör das Potential hat, als Schirmart für alle typischen Flussfische zu fungieren. Durch die vielfältigen Anforderungen an seine Lebensräume in den Haupt- und großen Nebengewässern unserer Flüsse, durch seine Größe und seine lange Generationsdauer ist er ein idealer Indikator für die Qualität dieser Lebensräume, der die Bedeutung nachhaltiger Nutzung verkörpert - gut sichtbar ist er obendrein, so Dr. Jörn Geßner.
In der Mittagspause sorgte Siegfried Füldner vom ASV Hanau mit seinen Helfern mit einem schmackhaften reichhaltigen Essen für das leibliche Wohl der Teilnehmer.

(4) Doch vor der Pause stand noch die Verabschiedung unseres Naturschutzbeauftragten im Kreis Waldeck-Frankenberg Heinrich Binzer an, der auf eigenen Wunsch nach vielen Jahrzehnten der kompetenten Mitarbeit ausscheiden möchte. Frau Dr. Pyriki dankte Herrn Binzer für die vielen Jahre seines engagierten Wirkens im Naturschutz und der Fischerei, überreichte ein kleines Erinnerungsgeschenk und wünschte ihm alles Gute.
Am Nachmittag hielt Winfried Klein einen mitreißenden Vortrag zu den Themen -Neue Entwicklungen im Bundesverband DAFV in Fischerei und Artenschutz- und -Arbeit der Naturschutzbeauftragten im VHF. Er berichtete über die Idee der bundesweiten Zusammenarbeit aller Fischereiverbände durch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft Wasserrahmenrichtlinie/Wasserkraft (ARGE WRRL-WKA) und zeigte auf, warum diese Zusammenarbeit so wichtig ist. Eines der dringlichsten Probleme, gegen das wir uns wehren müssen, ist die Zerstörung unserer Fließgewässer durch Wasserkraft und die damit verbundenen tierschutzwidrigen Tötungen von Fischen, so Winfried Klein. Deshalb ist die Gründung dieser ARGE WRRL-WKA längst überfällig, um gemeinsam und bundesweit gegen diese unsinnige, Gewässer zerstörende Praxis des Wasserkraft-Ausbaus vorzugehen. Durch das "Erneuerbare Energien Gesetz"(EEG), welches lukrative Einspeisevergütungen bereitstellt, wurde in den letzten Jahren der Ausbau der Kleinwasserkraft durch Reaktivierung von Altanlagen oder Neubauten an bestehenden Wehren weiter vorangetrieben. Als Einzelkämpfer sind Verbände und Vereine gegenüber Genehmigungsbehörden fast immer erfolglos. Deshalb ist es so wichtig, dass sich alle DAFV-Landesverbände zusammentun und in einen gemeinsamen Fond Geld einbringen. Damit wird es gelingen, mit einigen wenigen aussichtsreichen Fällen vor Gericht Präzedenzfälle zu erstreiten, um so den allzu leichtfertigen Genehmigungen der Behörden einen Riegel vorzuschieben. Winfried Klein ist sicher, dass wir gemeinsam die besten Anwälte mit fachlicher Kompetenz beauftragen können, die eine Garantie für den Erfolg sein werden. Überdies werden die Kosten auf alle Landesverbände umgelegt, sodass für alle wenig Eigenanteil fällig wird . Am 18. Januar 2014 war es dann soweit, Vertreter aus den DAFV-Landesverbänden trafen sich in Künzell bei Fulda um die ARGE WRRL-WKA zu gründen und über das Vorgehen zu beraten.
Im weiteren Vortrag dankte Winfried Klein allen Naturschutzbeauftragten für ihre wertvolle und unentbehrliche Arbeit für unseren Verband und hob die Wichtigkeit der Vertretung in den Naturschutzbeiräten hervor, da hier unsere fachliche Kompetenz in allen Gewässerfragen eingebracht werden kann. Dies gilt gerade derzeit für die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) in unseren Gewässern. Winfried Klein forderte alle Anwesenden auf, in ihren Landkreisen genau aufzupassen, was an den Wasserkraftanlagen und Wehren passiert und ggf. sofort an die Hauptgeschäftstelle des VHF Meldung zu machen, da eine Verbandsbeteiligung in den meisten Fällen nicht erfolgt.
Der im Anschluss von unserem Naturschutzbeauftragten der Stadt Marburg Dr. Udo Becker gezeigte Film von Meinhard Prill mit dem Titel "Wenn Fische weinen könnten - Es wird leer in Bayerns Flüssen und Seen" passte gut zur vorangegangenen Problematik und zeigte eindrucksvoll die Folgen der Verbauung und Begradigung unserer Fließgewässer.
Zum Abschluss unserer diesjährigen Tagung hatte Heinrich Binzer eine Präsentation von Pflege- und Renaturierungsmaßnahmen an der Eder mitgebracht.
Wer möchte kann schon jetzt den Termin der nächsten Tagung notieren: 21. März 2015

Dr. Semiramis Pyriki
Referat Naturschutz
 
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Aufmerksame Zuhörer Winfried Klein im Gespräch mit DAFV-Geschäftsführer Dr. Stefan Spahn
  Fotos 1,2,4,5,6 Jürgen Pyrikis
Foto 3: Dr. Jörn Geßner
   

Störbroschüre

Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) hat in Abstimmung mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN), dem Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) und dem Österreichischen Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz (ÖKF) den Europäischen Stör zum Fisch des Jahres 2014 gewählt.
Der Europäische Stör (A. sturio) war mit einer Maximallänge von über 5 Metern einst unsere
größte heimische Fischart. Während des letzten Jahrhunderts sind seine Bestände drastisch
zurückgegangen. In Deutschland gilt er als verschollen oder gar ausgestorben. Der Verlust von Laichplätzen durch die Veränderungen der Gewässerstruktur, Aufstiegshindernisse durch
Gewässerverbauungen sowie Verschmutzung und Überfischung sind Hauptursachen für das
Verschwinden des Störs.
Forscher, Behörden, Angler und Artenschützer arbeiten seit Gründung der Gesellschaft zur
Rettung des Störs e.V. 1994 gemeinsam daran, in deutschen Gewässern wieder sich selbst
reproduzierende Bestände zu etablieren. Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) unterstützt die Versuche, die unternommen werden, um den Stör als natürlichen und angestammten Bewohner unserer heimischen Gewässer zu retten.
 
Herausgeber:
Deutscher Angelfischerverband e.V. (DAFV)
88 Seiten, zahlreiche Fotos und Grafiken
ISBN 978-3-9812032-6-4

Zu beziehen zum Preis von 7,00 €
zuzüglich Porto und Verpackung
per Fax, E-Mail oder Internet bei:
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