Schlechte Noten für Hessens Gewässer

 

Unter diesem Titel erschien am 28. Juli in den hessischen Zeitungen ein Artikel, der den schlechten ökologischen Zustand hessischer Gewässer zum Ausdruck brachte. Der Bericht basierte auf dem "Gewässerkundlichen Jahresbericht 2015" des Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), der am Tag zuvor veröffentlicht worden war. Danach erfüllen ¾ der hessischen Gewässer nicht die Anforderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL ) für Fischgewässer. Die EU-WRRL gibt es seit dem Jahre 2000 und bis zum 22.12.2015 sollten die europäischen Gewässer einen "guten ökologischen Zustand, eine gute Wasserqualität und die auf- und abwärts gerichtete Durchgängigkeit" erreicht haben. Dies ist noch nicht ansatzweise erreicht worden.
In gut einem Drittel der Flüsse und Seen, sei die organische Belastung viel zu hoch. Ursache dafür sind nach Angaben der HLNUG vor allem die hohen Phosphatkonzentrationen, die zu einer übermäßigen Algenentwicklung führen würden. Dadurch hätten empfindliche Organismen vor allem im Sommer nicht mehr genug Sauerstoff zum Leben. Eine Verbesserung sei erst zu erwarten, wenn die Phosphoreinträge aus kommunalen und industriellen Kläranlagen erheblich reduziert würde, so die HLNUG.
Das Landesamt hat mehr als 1000 feste Messstellen in Hessen für Grund- und Oberflächenwasser. Hinzu kommen noch rund 1000 mobile Messstellen. Soweit der Artikel der HLNUG.

Die beschriebene Massen-Algenbildung kennen wir von der Lahn nur zu gut im Frühjahr, wenn sich das Wasser auf Grund von Sonneneinstrahlung durch die Algen in den Stauhaltungen der Lahn tief braun verfärbt. Die Angler wissen dann, dass die Fische nicht beißen, da ihnen richtig gehend übel ist. Am Tage produzieren diese Algen - es sind ja schließlich sehr kleine Pflänzchen - durch Assimilation alle Sauerstoff, so dass sich dieser im Wasser stetig anreichert und gegen Abend Werte bis zu 300 Prozent Übersättigung annehmen kann (Wasser kann nur 100% lösen, der Rest entgast dann langsam oder schneller z.B. bei einem Wehrüberfall. Nachts verbrauchen aber die Algen durch Dissimilation den Sauerstoff, sodass er stetig abnimmt und bis in die frühen Morgenstunden gegen Null gehen kann und in Extremfällen, wenn die organische Belastung im Gewässer hoch ist, zu Fischsterben führt. Für alle Kiemenatmer ist in dieser Zeit, die manchmal 6 Wochen anhält, nur ein Leben zwischen Pest und Cholera möglich. Am Tage verbrennen wegen der Übersättigung die Kiemen und in der Nacht sind sie dem Ersticken nahe. Würden wir Fische in einem Transportbehälter mit einer solchen Sauerstoffübersättigung transportieren, hätten wir sie in kurzer Zeit alle umgebracht!
Da Fische äußerst sensible Tiere sind, stellen sie sich in solch extremen Zeiten in Fahnen von seitlich einmündenden Fließgewässern und können so meistens eine Zeit lang überleben, bis es wieder anders herum geht. Einhergehend mit den Sauerstoffübersättigungen am Tage steigt durch "biogene Entkalkung" der pH-Wert stetig an. Ich selbst habe schon pH-Werte von max. pH 10,6 gemessen und dachte das Gerät sei defekt. Nach Eichung des Messgerätes wurde der Wert aber bestätigt. Bei solchen Extremwerten kann eigentlich kein Kiemenatmer überleben und eine unglaublich hohe Zahl von Wassertieren, insbesondere von Jungfischen sterben dabei, ohne dass es jemand wahrnimmt!
Es kommt allerdings noch besser, denn durch den hohen pH-Wert wird im Wasser befindliches, harmloses Ammonium bei pH 10 zu 90 Prozent schon in sehr geringen Dosen in hoch toxisches Ammoniak umgewandelt, was ein Leben in einem solchen Gewässer fast unmöglich macht! All diese beschriebenen Parameter hätten in den oben angeführten Artikel der HLNUG hineingehört, doch man darf ja nicht so schlechte Dinge, die sich zeitweise in unseren Gewässer zutragen, darstellen!
Die EU-WRRL fordert, wie schon ausgeführt, die "gute Wasserqualität", die wegen der beschriebenen Ereignisse nicht erreicht werden kann. Eigentlich wäre das Problem fast ohne Kosten zu lösen: Man muss den Fluss nur wieder fließen lassen! Das beste Beispiel ist der Rhein, der ab Iffezheim bis nach Holland ziemlich flott fließt. Er hat daher in dem gesamten Bereich ausgezeichnete Wasserqualität, obwohl er wesentlich mehr Phosphat (und andere Stoffe) mit sich führt. Allein das Fließen mit >0,3m/s verhindert diese absolut lebensfeindliche Wasserqualität! Das ist nachlesbar im Gutachten zur Weilburger Kläranlage, in dem Prof. Dr. Gosch dieses Phänomen beschrieben und angeraten hat, das Abwasser aus der Kläranlage Weilburg wegen der Phosphatbelastung erst unterhalb des Kirschhöfer Wehres in die Lahn einzuleiten, (was allerdings nicht gemacht worden ist!).
Im Rahmen des Projektes "LiLa Lahn", zu dem die EU 9 Millionen und die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz je 4 Millionen Euro zuschießen, hat der Verband Hessischer Fischer und die IG-LAHN auf Grund der oben beschriebenen Erkenntnisse gefordert, dass im Rahmen der Renaturierungsmaßnahmen zumindest ein Teil der Wehre der Lahn abgerissen werden sollten und keine Wasserkraftanlagen neu gebaut oder alte Rechte verlängert werden. Es ist nämlich Teil des Projektes, dass Wehre der Lahn abgerissen werden sollten. Wir forderten ein Moratorium, dass weder neue Wasserkraftanlagen genehmigt noch auslaufende Altrechte entsprechend § 20 WHG verlängert werden. Das Moratorium deswegen, weil aus den Genehmigungen bzw. Verlängerungen/Neukonzessionen neue eigentumsgleiche Rechte für die nächsten 30 Jahre resultieren würden und man die Wehre zwecks Erreichung der von der EU geforderten "guten Wasserqualität" nicht mehr abreißen könnte. Das Moratorium wurde abgelehnt. Wir prüfen daher zur Zeit, ob wir diese Ablehnung und unsere Begründung für das Moratorium an die EU melden werden, da von dort immerhin in das LIFE-Projekt von der EU 9 Millionen Euro einfließen sollen und diese Genehmigungen für z.B. 2 Wasserkraftanlagen (Verlängerung Altrecht und Neubau Lollar) an der oberen Lahn einen Abriss der Wehre unmöglich machen. Durch den Abriss der beiden Wehre bei Marburg und Lollar hätte man auf einfache und fast kostenlose Weise dieses von der EU-WRRL geforderte "prioritäre Ziel" für gute Wasserqualität allein durch Wiederherstellung des Fließkontinuums bis weit über Gießen hinaus erreicht. Es wird sehr interessant sein, was die EU dazu sagen wird, zumal das Projekt "LiLa" Lahn (Renaturierungsmaßnahmen, ökologische Verbesserungen, Herstellung der Ziele der EU-WRRL) mit 9Millionen € gefördert wird. Es sieht scheinbar in Hessen so aus, als wüsste nicht die linke Hand, was die Rechte tut! Darüber hinaus sind in Hessen empfindliche Strafen durch die EU zu erwarten, da man bis 22.12.2015 lediglich nur 5% der umzusetzenden Maßnahmen nach EU-WRRL erreicht hat.

Des Weiteren sollten die Bediensteten der Genehmigungsbehörden einmal von Fachpersonal geschult werden, damit sie die banalsten Dinge im Zusammenhang mit Energiegewinnung, -bereitstellung und -verbrauch lernen, um nicht solche katastrophalen und kostspieligen Fehlentscheidungen zuungunsten des Landes und der Stromverbraucher treffen! Wie groß ist eigentlich der Einfluss von Lobbygruppen auf Politik und Behörden in Hessen? Dies ist eine äußerst interessante Frage!

Winfried Klein
VHF-Referent Öffentlichkeitsarbeit