Von Fröschen und Menschen

 
Erzählung von einer gestörten Beziehung
 

Das Dorf hat einen Teich. Nicht in der Dorfmitte, so wie früher, sondern eher am Ortsrand. Der Teich ist ein schönes Stück Natur, das den Dorfbewohnern gefällt. Und den Fröschen. Denn die haben sich dort in stattlicher Zahl eingefunden. Nun haben sie, wie auch wir Menschen, die Angewohnheit, sich zu unterhalten, wenn sie in Gesellschaft sind. Sie quaken. Auch abends und nachts. Das stört aber die Anwohner des Teiches. Sie wollen ihre (Nacht-)Ruhe und fordern von ihrem Bürgermeister, daß er die Quakerei unterbindet. Die Frösche sollen weg.
Die Lokalpresse berichtet über den Fall. Es entspinnt sich ein heftiger Leserbriefwechsel. Die pro-Frosch-Partei bezeichnet die Anwohner des Teiches als hysterisch. Diese keilen zurück: Ob denn die pro-Frosch-Parteigänger ihnen denn ein halbes Jahr in einem froschfreien Exil bezahlen würden?
Bis hierher ist alles noch eher Stoff für einen ländlich-sittlichen Schwank. Dann passiert Folgendes: Eines Samstagmorgens, just an einem langen Feiertagswochenende, ist das Wasser größtenteils weg. Abgelassen. Von Mitarbeitern des gemeindlichen Bauhofs. Wie Zeugen feststellen, befinden sich in dem Restwasser noch Fische, die an Sauerstoffmangel leiden. Gemeindearbeiter mähen die Ufervegetation und stellen einen Amphibienfangzaun, um die Frösche vom Teich auszusperren. Am Samstag eines langen Feiertagswochenendes, wohlgemerkt!
Die zuständige Naturschutzbehörde kann über die Zulässigkeit dieser Maßnahme nicht befragt werden, denn -genau!- es ist ja langes Wochenende. Das Ablassen sei wegen eines Defekts am Ablauf notwendig gewesen, läßt die Gemeindeverwaltung verlauten. Reiner Zufall, der Zeitpunkt zu Beginn eines langen Wo..., na Sie wissen schon.

Was lernen wir aus diesem Fall?
Erstens: Natur ist etwas schönes. Aber nur so lange, wie sie nicht persönlich einschränkt oder belästigt.
Zweitens: Fische sind Tiere zweiter Klasse. "Kollateralschäden" an der Fischfauna bedürfen grundsätzlich nicht der Beachtung.
Drittens: Ein Bürgermeister hat´s nicht leicht. Um der Ruhe und des Friedens willen müssen da schon mal ein paar gesetzliche Regelungen außen vor bleiben.
Viertens: Wenn, wie in diesem Fall, echte Gefahr im Verzug ist, arbeiten Gemeindebedienstete auch an einem langen Feiertagswochende.
Und fünftens: Frosch, kommst Du in die Nähe menschlicher Behausungen, so vermeide es, Dich lauter als 45 dB (A) zu äußern. Denn das ist laut Bundesverwaltungsgericht der Grenzwert für erlaubtes nächtliches Froschquaken.

Leonhard R. Peter

Nachsatz: Diese Geschichte ist leider nicht frei erfunden.

 
Pssst, Frosch! Leise sein und in Deckung bleiben!! 
 Foto: © Silvio Heidler