Gülle mit Folgen in Deutschland

 

Die Europäische Union ermahnte jahrelang Deutschland, den Gewässerschutz ernst zu nehmen und vor allem die Belastung unserer Fließ- und Stillgewässer mit Stickstoff, der zum größten Teil aus landwirtschaftlichen Flächen eingeschwemmt wird, massiv zu reduzieren. Hierbei spiele die Gülle eine herausragende Rolle und jahrelang hätten verschiedene Landesregierungen nichts dagegen unternommen. Das berichtete "Die Zeit" im Wirtschaftsteil der Ausgabe vom 4. Mai 2016 auf Seite 22. Deshalb verklage die EU nun Berlin, was für Deutschland sehr teuer werden könnte. 82 Prozent der Seen und Flüsse sowie 36 Prozent aller Grundwasservorkommen entsprechen heute nicht dem von der EU-Kommission in der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) geforderten "guten ökologischen Zustand". Obwohl derzeit eine Novelle zur Verschärfung des Düngerechts im Bundestag beraten wird, hat die EU-Kommission Deutschland vergangene Woche (17. Woche) vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagt. Die Kommission sei überzeugt, dass die jetzt im Bundestag debattierte Novelle mehr im Gewässerschutz zu unternehmen, nicht weitgehend genug sei und in ihrer schärfsten Form wohl ein Fehlschlag werde, weil sie viel zu viele Ausnahmen enthalte und erneut nicht sicherstelle, dass die von der EU in der WRRL geforderte Wasserqualität erreicht werde. Aus diesem Grund müsse Deutschland zu wesentlich schärferen Vorschriften gezwungen werden. Sollte die Klage der Kommission beim EuGH erfolgreich sein, so kämen auf Deutschland Strafzahlungen von bis zu 250.000 Euro am Tag zu!
Schon seit dem Jahre 2000, als die WRRL von der EU erlassen wurde, hatten wir - der Verband Hessischer Fischer e.V. - immer wieder die strikte Umsetzung der WRRL in Hessen gefordert und kritisiert, dass die Umsetzung nicht ernst genommen werde. Bei einem Gesprächstermin 2009über die ökologische Verschlechterung unserer Flüsse durch den Betrieb von Wasserkraftanlagen, in der Generaldirektion "Maritime Angelegenheiten und Fischerei" in Brüssel, wurde mir von Generaldirektor Dr. Reinhard Priebe schon damals erklärt, dass die nicht fristgerechte Umsetzung der WRRL drastische Strafen nach sich ziehe und die Mindeststrafe mehr als 200.000 € am Tag betragen könnte. Das zeigte uns schon damals, wie hoch die strikte Umsetzung der WRRL bei der EU einzuschätzen ist.
Dass neben der Zielsetzung "gute Wasserqualität" auch noch die "aufwärts- und abwärts gerichtete Durchgängigkeit" (Fischauf- und Fischabstieg) für die gesamte aquatische Fauna sowie die "gute Struktur" der Gewässer umzusetzen ist, wird in weiteren Strafverfahren beim EuGH zu berücksichtigen sein. Diese ganzen Maßnahmen hätten eigentlich bis zum 22.12. 2015 umgesetzt sein müssen!

Bei dem oben geschilderten Stickstoffproblem handelt es sich allerdings nur um die Spitze des Eisbergs. Auch ist der massenhafte Anfall von Gülle aus der sogenannten "Ökostromerzeugung" aus Biogasanlagen zu erwähnen, von der nach Ausbringung auf landwirtschaftliche Flächen unglaubliche Mengen ebenso in die Gewässer abgeschwemmt werden. Hinzu kommen weitere Einschwemmungen aus Kläranlagen und sonstige Einträge aus Siedlungs- und Industrieflächen und letztlich auch aus der Luft. Dabei ist der von der EU monierte Eintrag von Stickstoff nur ein recht kleines Übel, denn es werden auch aus den genannten Flächen und Anlagen sehr große Mengen von Phosphaten auf den gleichen Wegen in die Gewässer eingetragen, die die Eutrophierung weiter antreiben und das äußerst problematische Massenalgenwachstum in den Gewässern verursachen. In den Stauhaltungen der Wasserkraftanlagen kommt es infolge der fehlenden Fließgeschwindigkeit zur Massenalgenbildung, die für alle aquatischen Arten zu lebensfeindlichen und existenzbedrohenden Gewässerbedingungen führt. So verursachen diese unglaublichen Mengen von sehr kleinen Algen am Tage durch Assimilation Sauerstoff-Übersättigungen von bis fast 300% und nachts durch Dissimilation gegen Null gehende Sauerstoff-Defizite. Hierdurch steigen die pH-Werte auf Werte >10, wobei dadurch dann noch als Krönung des Ganzen für Wassertiere harmloses Ammonium zu >90 Prozent schon ingeringen Mengen hoch toxisches Ammoniak umgewandelt wird. Für alle Wassertiere bedeutet dieses Phänomen in dieser Zeit ein Leben zwischen Pest und Cholera und niemand weiß genau, wieviel Wassertiere aller Arten dabei jährlich umgebracht werden.
In Hessen ist dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) das Problem bekannt, doch praktikable Lösungsansätze gibt es leider nicht. Ein wirksamer Lösungsansatz wäre allerdings der Abbau von Wehren zwecks Wiederherstellung des Fließkontinuums in den Gewässern mit Fließgeschwindigkeiten >0,3 m/s, bei dem die Algenbildung mit den beschriebenen Problemen kostengünstig und äußerst nachhaltig beseitigt werden könnte.
Leider wird aber von Politikern und der sie beratenden Wasserkraft-Lobbyisten diese Thematik ignoriert, bzw. sind von der HLNUG, ähnlich wie bei der Salzeinleiterproblematik bei K+S öffentliche Äußerungen nicht gewünscht. Deshalb wird die Wasserkraft auch weiter ausgebaut und der Rest von noch wenigen intakten Gewässerstrecken auf Dauer zerstört!
Was nützen dann hier noch ebenfalls von der EU verordneten und durchzuführenden Biodiversitätsstrategien, wenn man die wenigen Relikte unangetasteter und noch artenreicher Fließgewässer aus fataler politischer Unwissenheit und falscher, eigennütziger Beratung durch Wasserkraft-Lobbyisten - die auch im Bundestag sitzen - die falschen Signale setzt und noch den kärglichen Rest artenreicher, wertvoller Gewässer wirtschaftlichen Interessen opfert. Wegen einem geringen Anteil an Kilowattstunden Strom werden die Aale in Zukunft ausgerottet und der gesamte Fischnachwuchs (0+ Generation) täglich durch Wasserkraft bestialisch vernichtet. Weitere Fischarten werden durch angeblich funktionierende "Fischschutzvor-richtungen" gequält und in Mitleidenschaft gezogen.
Die Verantwortlichen bei den Landesbehörden und in der Politik können nicht mehr zu Rechenschaft gezogen werden, wenn es in naher Zukunft wie üblich bei den Statements der Politker heißt, "die Auswirkungen der Wasserkraft auf das Ökosystem Fluss haben wir in diesem erschreckendem Ausmaß nicht so erwartet", und der Rückbau ähnlich wie bei den Atommeilern auf Kosten des Steuerzahlers erfolgen wird.
Wir werden den Kontakt zur EU-Kommission halten und dafür sorgen, dass diese unhaltbaren Zustände beseitigt und die EU-WRRL strikt umgesetzt wird.

Winfried Klein