Neue Rote LIste der Fische und Rundmäuler Hessens erscheint in Kürze
 

Von Egbert Korte & Christoph Dümpelmann

 
Einleitung
In Kürze wird die vierte Fassung (Stand Oktober 2013) der Rote Liste der Fische und Rundmäuler Hessens (DÜMPELMANN & KORTE in Vorbereitung) vom HMUKLV herausgegeben und löst damit die stark veraltete 3. Fassung (Stand Januar 1996) der Roten Liste (ADAM et al.1996) ab. Diese Neuauflage war mehr als notwendig, nicht nur weil es in den vergangenen 15 Jahren durch die zahlreichen Untersuchungen im Rahmen der Erfassungen von Natura 2000-Arten und den regelmäßig durchgeführten Befischungen zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie einen deutlichen Wissenszuwachs im Hinblick auf das Vorkommen von Fischen und Rundmäulern in Hessen gab, sondern auch weil sich die Fischbestände in den Gewässern Hessens seit 1996 stark verändert haben.

Datengrundlage und verwandte Systematik
Die bei der neuen Roten Liste zu Grunde liegenden Daten wurden im Rahmen der Erstellung des Hessischen Fischartenatlas zusammengeführt und ausgewertet. Der Gesamtdatensatz setzt sich aus den Einträgen der landesweiten Artendatenbank bei Hessen-Forst-FENA sowie aus Literaturangaben, Gutachten, belegten Hinweisen von Bearbeitern zum Hessischen Fischartenatlas und Sammlungsbelegen zusammen.

Die Taxonomie (Artenabgrenzung, Artennamen) der neuen Roten Liste der Fische und Rundmäuler Hessens richtet sich bis auf wenige Ausnahmen, die erläutert werden, nach dem aktuellen ichthyologischen Standardwerk "Handbook of European Freshwater Fishes" (KOTTELAT & FREYHOF 2007) und der aktuellen Roten Liste der im Süßwasser reproduzierenden Neunaugen und Fische Deutschlands (FREYHOF 2009).

Neues Vorgehen bei der Einstufung der Arten in die Gefährdungskategorien
Die Erstellung der Roten Liste, das heißt, die Gefährdungseinstufung der Arten erfolgte anders als bei den vorhergehenden Roten Listen (ADAM et al. 1995). Erstmals wurde nicht ausschließlich durch so genanntes "Expertenwissen", welchem nur wenige - meist ungenügende - Daten zu Grunde lagen, bewertet. Die Bewertungen der Gefährdungseinstufungen erfolgte nach einen Bewertungsschema, das vom Bundesamtes für Naturschutz (LUDWIG et al. 2006) vorgegeben wurde.
Zentraler Bestandteil dieses Bewertungsschemas, welches nicht nur für alle Tiergruppen angewendet wird, sondern auch eine objektivere Gefährdungseinstufung ermöglicht, sind folgende Kriterien:

  • Aktuelle Bestandssituation: Hierunter ist derzeitige Häufigkeit und Verbreitung der Arten in hessischen Fließ- und Stillgewässern zu verstehen. Datengrundlage für die Abschätzung der aktuellen Bestandssituation ist der derzeit auch in Vorbereitung befindliche "Atlas der Fische Hessen", wo dargestellt wird, wie verbreitet eine Fischart in Hessen ist.
    Bei der "aktuellen Bestandssitutation unterscheidet man zwischen folgenden Kategorien: "ausgestorben oder verschollen", "extrem selten", "sehr selten", "selten", "mäßig häufig", "häufig", "sehr häufig" und "unbekannt". Die "aktuellen Bestandssituation" ist ein Hauptkriterium für die Einstufung in die einzelnen Gefährdungskategorien.
  • Langfristiger Bestandstrend: Er wird in der Regel aus historischen Daten abgeleitet und bezieht sich auf einen Zeitraum von 100 bis 150 Jahren.
  • Kurzfristiger Bestandstrend: Dieser Bestandstrend erfasst den Zeitraum der letzten 10-15 Jahre.
  • Risikofaktoren: Faktoren, die zu einer Verschlechterung der Situation der Art führen könnten.

Bereits 2008 wurde das Bewertungsschema im Rahmen der Abfrage zur Erstellung der bundesdeutschen Roten Liste Fische und Neunaugen von einem Expertengremium für die meisten hessischen Arten angewandt und diskutiert, wobei aber nur wenige Daten zur Verbreitung der Arten vorlagen und somit die "aktuelle Bestandssituation" nur grob abgeschätzt werden konnte.
Durch die Arbeiten im Rahmen der Erstellung des Hessischen Fischartenatlas´ wurden nun konkrete Verbreitungsbilder für alle Fischarten Hessens erstellt. Auf dieser Grundlage war eine gute Abschätzung der aktuellen Bestandsituation möglich. Für einige Arten ergaben sich Änderungen bezüglich der Einstufung verglichen mit der Einschätzung der Expertenrunde des Jahres 2008 und somit auch im Hinblick auf die Zuordnung zu den Gefährdungskategorien.

Ein Beispiel hierfür ist der Bitterling (Rhodeus amarus), der besonders in den letzten Jahren erheblich häufiger und in größeren Beständen nachgewiesen werden konnte und nun als "ungefährdet" eingestuft ist. Und dies, obwohl die große Mehrheit der Befischungsdaten aus Fließgewässer stammen und der Bitterling darüber hinaus auch in zahlreichen Stillgewässern wie Teiche, Weiher und Seen auftritt. Wie bei allen Veränderungen von Fischbeständen hat das Ansteigen der Bitterlingsbestände wahrscheinlich mehrere Gründe incl. Erholung der Großmuschelbestände und Klimaveränderungen.

Ein anderes Beispiel ist die Äsche (Thymallus thymallus), die 2008 hinsichtlich ihrer damaligen Bestandsituation mit "sehr selten" eingestuft wurde. Die Analyse der Daten ergab, dass sie weiter verbreitet ist, als damals gedacht und sie heute als "mäßig häufig" einzustufen ist. Sie tritt in allen hessischen Äschenregionen - welche flächenmäßig im Land Hessen deutlich geringere Dimensionen als Forellen- und Barbenregionen einnehmen - meisten reproduktiv auf. Diese nun fundierte Einstufung hat zur Folge, dass sie unter Berücksichtigung der lang- und kurzfristigen Bestandstrends in der Roten Liste nicht mit "vom Aussterben bedroht" sondern mit "gefährdet" eingestuft wird. Dies korreliert sehr deutlich mit der aktuellen bundesweiten Einstufung ("stark gefährdet" FREYHOF 2009), da die Art in den deutschen Mittelgebirgsregionen sowie im Voralpenraum ihren Verbreitungsschwerpunkt besitzt und die Bundesliste Gesamtdeutschland incl. der natürlicherweise äschenarmen Tieflandregionen bewertet.
Weitere Informationen zu dieser fischereilich viel beachteten Art kann der aktuellen Roten Liste Deutschlands (FREYHOF 2009) entnommen werden, die der Äsche ein eigenes Extrakapitel widmet.

Diese beiden Beispiele zeigen, dass eine solide Datengrundlage Grundvoraussetzung für eine möglichst objektive Einstufung ist. Wichtig ist aber auch, dass die grundlegend verschärften Kriterien bei allen Tier- und Pflanzengruppen zur Erstellung von Roten Listen diese Gefährdungslisten zu einem scharfen Schwert bei der naturschutzfachlichen und naturschutzpolitischen Bewertung der Arten gemacht haben.


Abstimmung der Gefährdungskategorien

Die aktuelle Bestandssituationen und die Einstufungen der einzelnen Arten 2013 wurden im Rahmen einer hessischen Expertenrunde am 15.08.2013 in Gießen abschließend diskutiert.
Als wenig zielführend und völlig unangebracht in der Diskussion zur "Roten Liste der Fische Hessens" empfinden wir daher Bemerkungen, die im Vorfeld der Veröffentlichung getätigt werden und in denen sich negativ über einige Gefährdungseinstufungen geäußert wird. Alle Teilnehmer des Treffens (Ministerium, alle Oberen Fischereibehörden der Regierungspräsidien, FENA, Gutachter) wurden in Rahmen des Workshops in den Diskussionsprozess eingebunden und mit Ihnen ausführlich über die Einstufungen diskutiert und schließlich das Ergebnis einstimmig beschlossen.
Die aktuellen Einstufungen der hessischen Fischarten in dieser Roten Liste entsprechen den aktuellen Vorkommen in gesamt Hessen und fußen auf einer Datenlage, wie es sie für hessische Gewässer bisher noch nicht gab.

Rote Listen sollen von Internationaler Ebene über die einzelnen Länder wie Deutschland bis hinab zu den einzelnen Bundesländern beschreiben, wie hoch das Aussterberisiko der Arten im jeweiligen Bezugsraum ist. Vor diesem Hintergrund erscheint z.B. die Einstufung einiger Arten in früheren Roten Listen Deutschlands oder Hessens geradezu absurd (z.B. Bachforelle und Elritze). Daher ist ein Vergleich der aktuellen Roten Liste der Fische und Rundmäuler mit den vorherigen Fassungen (ADAM et al. 1996) aufgrund der unterschiedlichen Methodik der Gefährdungseinstufung, wenn überhaupt, nur bedingt möglich. Auch sind alle Gefährdungsseinstufungen im Kontext zu sehen und haben eine deutlich stärkere Gewichtung als früher. Schon die Kategorie "gefährdet" bedeutet, dass eine Art merklich zurückgegangen ist und die Art durch geeignete Schutz- und Hilfsmaßnahmen in ihrem Bestand zu stabilisieren, möglichst aber zu vergrößern ist.

Wir hoffen, dass die neue Rote Liste der Fisch und Rundmäuler Hessens als wertvolles Hilfsmittel zum Schutz unserer einheimischen Arten genutzt wird.



Literatur

ADAM, B., C. KÖHLER, A. LELEK & U. SCHWEVERS (1996): Rote Liste der Fische und Rundmäuler Hessens. (3. Fassung, Stand: Januar 1996). Hrsg.: Hessisches Ministerium des Inneren und für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz, Wiesbaden 1996, 28 Seiten.

BLESS, R., A. LELEK & A. WATERSTRAAT (1998): Rote Liste der in Binnengewässern lebenden Rundmäuler und Fische (Cyclostomata & Pisces). In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.) (1998): Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands. Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz, Heft 55. Seiten 53-59. Bonn-Bad Godesberg.

DÜMPELMANN, C. & E. KORTE (in Vorbereitung): Rote Liste (Gefährdungsabschätzung) der Fische und Rundmäuler (Pisces & Cyclostomata) Hessens. Stand: September 2013. Hrsg.: Hessisches Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Klima und Verbraucherschutz, Wiesbaden.

FREYHOF, J. (2009): Rote Liste der im Süßwasser reproduzierenden Neunaugen und Fische (Cyclostomata & Pisces). In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Naturschutz und Biologische Vielfalt 70(1), Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 1: Wirbeltiere, Seiten 291-316. Bonn-Bad Godesberg.

HMUKLV & HESSEN FORST FENA (Hrsg.)(2014): Atlas der Fische, Rundmäuler, Krebse und Muscheln in Hessen.- In: FENA Wissen Band 2 (in Vorbereitung).

KOTTELAT, M. & J. FREYHOF (2007): Handbook of European freshwater fishes. Kottelat, Cornol, Switzerland and Freyhof, Berlin, Germany.

LUDWIG, G., H. HAUPT, H. GRUTTKE & M. BINOT-HAFKE (2006): Methodische Anleitung zur Erstellung Roter Listen für gefährdete Tiere, Pflanzen und Pilze. BfN-Skripten 191, 98 Seiten. Bonn-Bad Godesberg.