Hegemeinschaft Weschnitz

 
Historischer Moment für die Weschnitz
 
Die Lachse kehren zurück
 
Fischereiberechtigte und Pächter der Odenwald-Weschnitz, der Kreisfischereiberater, Vertreter der Hegegemeinschaft und des Gewässerverbandes Bergstraße trafen sich am22.08.2013 an der Weschnitz mit dem vom Regierungspräsidium Darmstadt beauftragten Fischereiwissenschaftler Dr. Jörg Schneider (BFS Frankfurt) zu einem freudigen Ereignis: Gemeinsam wurden sie Paten von rund 4.500 fingerlangen Junglachsen, die sich seither an sorgfältig ausgesuchten Flussabschnitten von Birkenau bis Rimbach in dem schon lange wieder sauberen Wasser der Weschnitz tummeln. Sie alle hoffen darauf, dass die als ein Machbarkeitstest nun ausgesetzten Jungfischchen den Herbst und Winter gut überstehen und in der nahrungsreichen Weschnitz ordentlich an Gewicht zulegen, so dass der am besten abgewachsene Teil davon bereits im nächsten Frühjahr die lange Reise die Weschnitz und den Rhein abwärts in die Nordsee und den Atlantik antreten kann.
Foto: R. Hennings  
Im übernächsten Frühjahr werden ihnen die weniger schnellen folgen. Auf dieser Reise prägen sich die Jungfische die Landmarken und die spezifischen Gerüche ihrer Wanderstrecke genau ein. Nach ein bis vier Jahren Fressen im Atlantik zwischen Schottland und Grönland sind sie zwischen 60 cm und über einen Meter lang. Dann führt die in der Weschnitz bisher ausgestorbenen Fische ihr phänomenaler Orientierungs- und Geruchssinn zielsicher wieder in den Fluss ihrer Herkunft zurück. Dort werden sie idealerweise auf denselben Kiesbänken ablaichen, auf denen sie aufgewachsen sind.

Die lange Wanderung ist aber in beiden Richtungen mit Gefahren und Hindernissen gespickt. Schon an den Besatzstellen drohen den Junglachsen Gefahren: Räuberische Fische und Vögel fordern ebenso ihren Tribut, wie winterliche Hochwässer und unvorsichtige Angler zu Verlusten führen können. Da wollen die Weschnitzpächter gerne gegensteuern, indem sie Raubfische wie große Bachforellen und Döbel kurz halten und die Besatzstrecken gar nicht oder nur sehr jungfischschonend beangeln. Nicht beeinflussen können sie bisher die Gefahr, die schon bei der Abwanderung in den Turbinen der Wasserkraftwerke droht: Zwei hessische und vier badische Anlagen stellen sich ihnen in den Weg. Deren Schutzeinrichtungen lassen Fische in der Größe abwandernder Junglachse von 15-20 cm Körperlänge meist durch, so dass sie zu beträchtlichen Prozentzahlen von den Turbinenschaufeln und vom Unterdruck in der Turbine getötet werden. Hier gibt es noch viel zu tun - die Umsetzung der Europäischen Wasser-Rahmenrichtlinie (WRRL) verlangt von den Behörden der beiden Bundesländer die Erreichung des "guten ökologischen Zustands der Fließgewässer", wozu auch die Durchgängigkeit in beiden Richtungen und die Wiederherstellung des ursprünglichen Fischartenbestandes gehören, bis zum Jahre 2015.
Das Regierungspräsidium Darmstadt als die für die Umsetzung der WRRL regional zuständige hessische Landesbehörde hat, nach dem Fang eines spontanen Rückkehrers bei Lorsch im Herbst 2011, jetzt die als Lachs-Vorranggewässer definierte Weschnitz verstärkt ins Zentrum seiner Bemühungen gestellt. Sowohl die vorhergehende Machbarkeitsstudie des Büros für Fischökologische Studien (BFS), als auch der erste Besatz und die wissenschaftliche Begleitung durch Dr. Schneider wurden vom RP aus Mitteln der Fischereiabgabe, die alle Angler zweckgebunden bezahlen, finanziert. Der jetzige Lachsbesatz ist ein Testbesatz: Wenn die Fischchen gut über den Winter kommen und die für das Abwandern ins Meer nötige Größe erreichen, wird das BFS dem Regierungspräsidium empfehlen, ab 2014 in ein regelrechtes Wiederansiedlungsprogramm einzusteigen, wie es zur Zeit schon an der Wisper im Rheingau und im Schwarzbach (Taunus) durchgeführt wird. Unverzichtbare flankierende Unterstützung leistet der Gewässerverband Bergstraße: Er hat bereits lange Strecken des monoton ausgebauten Unterlaufs durch Störsteine und Totholz als Wanderkorridor aufgewertet und 2011 durch eine Fischaufstiegsanlage in Lorsch auch die Alte Weschnitz wieder erreichbar gemacht. Damit ist der gesamte Unterlauf vom Rhein her wieder frei durchgängig bis Weinheim, und weitere Projekte im Unterlauf und im Odenwald sind in der Planung. Auch die Kommunen leisten mit Renaturierungsmaßnahmen, beispielhaft in Lorsch (Wattenheimer Brücke) und Birkenau (Tuchbleiche), einen bedeutenden Beitrag zur Wiederherstellung der Flüsse.
Die Weschnitzangler und besonders der Kreisfischereiberater und Naturschutzreferent des Verbandes Hessischer Fischer, Rainer Hennings (Fürth, früher Lorsch), der seit 1988 ehrenamtlich auf diesen Moment hingearbeitet hat, sind sich sicher: Der Lachs, früher ein Massenfisch im ganzen Rheinsystem, wird auch in der Weschnitz wieder eine Zukunft haben. Verdient hat der tapfere Langdistanzwanderer, der auch ein Odenwälder ist, die Chance allemal.

Hintergrund:
Vor zwei Jahren wurde bei Lorsch ein in die Weschnitz aufgestiegener Atlantischer Lachs, ein rund 80 cm langes, laichreifes Weibchen, durch einen Angler ungewollt gefangen und vor dem schonenden Zurücksetzen erstmals auch fotografisch dokumentiert. Dies gab den seit 1988 währenden Bemühungen der Weschnitzangler um eine Wiederansiedlung des in ihrem Fluss ausgestorbenen Wanderfisches den letzten noch nötigen Schwung: Das Regierungspräsidium Darmstadt als Obere Fischerei- und Naturschutzbehörde beauftragte daraufhin den hessischen Lachsexperten Dr. Jörg Schneider vom Büro für Fischökologische Studien (BFS) Frankfurt mit einer Machbarkeitsstudie zur Wiederansiedlung des Lachses. Ergebnis: Die Weschnitz bietet bereits jetzt auf langen Strecken gute Bedingungen für den im Süßwasser verlaufenden Teil des Lebens der Lachse. Verbesserungsbedürftig ist noch die Durchgängigkeit, d. h. die überwiegend in Baden-Württemberg liegenden Wehre mehrerer Wasserkraftanlagen müssen für aufsteigende Großlachse passierbar und die Turbinen für abwandernde Junglachse weniger gefährlich werden. Der jetzige Testbesatz soll klären, ob der Süßwasser-Lebenszyklus in der Weschnitz oberhalb Weinheim prinzipiell möglich ist. Kleinflächig bietet die Weschnitz Laich- und Aufwuchsplätze auch schon unterhalb der zur Zeit noch unüberwindbaren Wasserkraftanlagen in Weinheim. Die historischen Haupt-Laichplätze liegen aber im Mittelgebirge von Birkenau bis Rimbach.

Info zur Weschnitz:
Die Weschnitz ist der südlichste direkte Rheinzufluss in Hessen. Zwischen der Quelle bei Hammelbach und der Mündung in den Rhein bei Biblis ist sie rund 60 Kilometer lang. Sie entwässert mit ihren zusammengenommen über 200 km langen Seitenbächen eine Fläche von 436 Quadratkilometern. Von Weinheim bis Lorsch ist sie seit der Reformationszeit in zwei Arme aufgeteilt (Alte und Neue Weschnitz). Davon liegen rund 10 km in Baden Württemberg, darunter der steile Mittelgebirgsabfall zwischen Weinheim und Birkenau mit fünf Wehren und vier Wasserkraftanlagen. Lokalhistorische Quellen aus Biblis legen nahe, dass es bis in das 20. Jahrhundert hinein einen Aufstieg von Lachsen in das Weschnitz-Gebiet gegeben hat. Die von Gestalt und Verhalten sehr ähnliche Meerforelle wurde noch 1986 im Weschnitz-Gebiet beobachtet. Die noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts teils sehr schlechte Wasserqualität wurde in den beiden Jahrzehnten um die Jahrtausendwende durch einen beispiellosen Kraftakt beim Ausbau der Kläranlagen grundlegend saniert. Defizite liegen heute vor allem noch in den Strukturen, vor allem im begradigten und eingedeichten Unterlauf, und bei der Durchgängigkeit. Für den hessischen Teil des Einzugsgebiets hat der Gewässerverband Bergstraße etliche Maßnahmen bereits umgesetzt und im Frühjahr 2012 eine umfassende Visualisierungs- und Priorisierungsplanung für die weitere Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie der Öffentlichkeit vorgestellt.

Info zur Hegegemeinschaft:
Die Hegegemeinschaft 41 Weschnitz wurde im Dezember 2011 auf der Basis des § 24 des Hessischen Fischereigesetzes gegründet. Sie ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts, in der die Vertreter aller Fischereirechte im Einzugsgebiet der Weschnitz zusammengeschlossen sind. Erster Vorsitzender ist Florian Schumacher (Einhausen). Hauptaufgabe der Hegegemeinschaft ist die Erstellung des gesetzlich geforderten einheitlichen Hegeplans. Der Hegeplan regelt die fischereiliche Bewirtschaftung, u. a. den Fischbesatz und die Art und den Umfang der Ausübung der Fischerei, sowie die Pflege der Fischbestände und das Vorgehen im Falle einer Gewässerverunreinigung. Bei Gewässern, die innerhalb eines europäisch geschützten Natura-2000-Gebietes liegen, regelt der Hegeplan auch die naturschutzfachlichen Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen im Einvernehmen mit der Oberen Naturschutzbehörde.

Verantwortlich u. Kontakt: Rainer Hennings, Trommweg 7, 64658 Fürth, Tel. 06253/8606175, Fax 06253/8606176, Mobil 0179/5230581, r.hennings@fishcalc.de