Wer tritt für die Gewässer ein?

 
Einführung
Winfried Klein, unser Referent für Öffentlichkeitsarbeit, stellt diese an sich einfache Frage und versucht, Antworten zu finden. Die folgenden Zeilen sind der Einsteig in seinen Beitrag, der anhängend dieses Heftes fortgesetzt wird.

"Fast niemand hat es gemerkt, doch an unseren Gewässern hat sich in letzter Zeit einiges geändert - offensichtlich ist es bisher nur niemandem aufgefallen. Selbstverständlich kann man Veränderungen nur dann erkennen, wenn man die Gewässer ständig im Auge behält, ihren Zustand prüft.
Doch wer tut das? Behörden beispielsweise? Weit gefehlt! Die "zuständigen" Behörden etwa? Weit gefehlt! Gewässerbenutzer, wie Ausflugsschiffsbetreiber, Bootsverleiher, Besitzer von Booten aller Art, Yachtclubs, Bootsclubs, Motorsportverbände? Alles weit gefehlt!
Erstens haben sie alle keine Ahnung von den Zusammenhängen Wechselbeziehungen in den Gewässern, und selbst wenn beispielsweise Behörden etwas gemerkt hätten, dürfen sie es nicht an die große Glocke hängen, denn das mögen die über ihnen stehenden Politiker gar nicht. Und die Medien wie Zeitungen, Radio oder Fernsehen tun es aus unterschiedlichsten Gründen auch nicht, denn schließlich ist man ja denen verantwortlich, die Werbung in den Zeitungen schalten und im Hörfunk oder im Fernsehen teuere Werbung verbreiten lassen. Darüber hinaus darf man die hinter allem stehenden politischen Größen nicht verprellen, denn schließlich ist man ja auch denen aus verständlichen Gründen wohlgesonnen, um nicht zu sagen von ihnen mehr oder weniger abhängig.
Und schließlich will ja keiner schlechte Meldungen verbreiten, geschweige denn solche hören oder sehen. Wie sagte kürzlich ein Fernsehreporter, als es um die in den letzten zwei Jahrhunderten zum größten "Steinbruch" Hessens verwandelte und aufgestaute Lahn ging, die mitten in der ökologisch sensibelsten Zeit vom zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt in verantwortungsloser Weise einfach abgelassen worden war, so daß die unansehnliche und lebensfeindliche Wüste der flächendeckenden Steinschüttungen in ihrer Gänze auf rund acht Kilometer Flußstrecke sichtbar wurde: "Wir dürfen die Lahn nicht kaputt reden, das ist nicht gut für den Tourismus und schließlich hat der Sender ein Ranking veranstaltet, bei dem die Lahn eines der schönsten Gewässer in Europa geworden ist!" Darauf konnte ich nur antworten: "Oben hui - unten pfui - als Fisch hätte ich selbst in einem solchen Lebensraum nicht leben wollen!"
- soweit die einführenden Gedanken von Winfried Klein zu diesem Thema.

Nun ja, wie das mit den Rankings so funktioniert, haben wir ja in letzter Zeit auch nach und nach erfahren, angefangen von ADAC bis zu diversen Fernsehsendern hat sich herausgestellt, daß bei solchen Rankings das Ergebnis passend gemacht werden muß, wobei es letztlich immer um Geld, Marktanteile, Einfluß und Macht geht.
Passende Ergebnisse sind übrigens auch bei den vielfältigen Zertifizierungen erwünscht, die uns heutzutage alltäglich beim Einkauf begegnen. Auf fast jedem Produkt finden sich ein oder mehrere solcher "Labels", die unser Verbrauchergewissen beruhigen sollen, weil das betreffenden Produkt doch umweltfreundlich und nachhaltig produziert, transportiert und gehandelt oder unter Einhaltung hoher Sozialstandards auf der anderen Seite des Globus gefertigt wurde. Das jedenfalls sollen wir glauben. Zertifizierungen sind jedoch inzwischen ein lukratives Geschäft geworden, unter anderem auch für die großen Umweltverbände, die allseits bekannten "Global Player" in diesem Geschäft, welche sich inzwischen zu wahren Umweltkonzernen mutiert sind und ganz gut an solchen Zertifikaten verdienen. Dementsprechend wird dann beispielsweise schon mal Palmöl zertifiziert, für dessen Herstellung im Produktionsland unter anderem kleine Landbesitzer enteignet und damit um ihre Existenzgrundlage gebracht werden. Umweltfreundlich? Ressourcenschonend? Nachhaltig? Sozialverträglich? Nicht die Bohne! Oder nehmen wir den sogenannten Ökostrom. Dessen Zertifizierungen besagen bekanntlich nur, daß es sich in der Tat um Strom aus Wasserkraft, Windkraft usw. handelt. Daß mit dessen Erzeugung ebenso bekanntermaßen vielfältige "Kollateralschäden" in unserer Natur angerichtet werden, ist nicht Gegenstand solcher Zertifizierungen und wird -aus naheliegenden Gründen- komplett ausgeblendet. Aber die Kasse stimmt sowohl beim Zertifizierer als auch beim Verkäufer. "Verkaufe gutes Gewissen gegen Geld" heißt dieses uralte Prinzip, das man früher kurz "Ablaßhandel" nannte. Daß dabei manche ehemalige Ikone unter den Umweltkonzernen längst auch ihre Seele gegen Geld verkauft hat, stört offenbar niemanden. Es stimmt schon: Geld stinkt zwar bekanntlich nicht, verdirbt aber trotzdem den Charakter.

Leonhard R. Peter
Geschäftsführer

 
Was hat sich in unseren fließenden Gewässern geändert?

Kläranlagen haben zwar in den letzten Jahren gravierende Fischsterben wie in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts verhindert, doch sind solche auch in Zukunft nicht ausgeschlossen. Heute werden zwar beispielsweise keine Zyanide mehr eingeleitet, aber es gibt andere, neue Stoffe, die schleichend wirken und im Ergebnis ebenfalls eine verheerende Wirkung haben. Hier ist die ganze Fülle der sogenannten "Pflanzenschutzmittel" zu nennen, wovon ein sehr erheblicher Teil nach Regenereignissen in die Gewässer gelangt und verheerend auf die Fische, die Wirbellosenfauna und ganz besonders auf die gesamte Wasserflora wirkt. So ist in diesem Jahr die Wasserflora der Lahn, trotz des sehr zeitigen Frühjahrs, viel zu spät und nur teilweise aufgekommen. Die Laichkräuter kamen viel zu spät, die streng geschützte und seltene Schwanenblume (Butomus umbellatus) - 2014 "Blume des Jahres" - ist nur noch in geringen Beständen vorhanden und der erst seit wenigen Jahren üppig zurückgekehrte Flutende Hahnenfuß (Ranunculus fluitans) ist fast vollständig wieder verschwunden. Allein diese Tatsachen sind für ein Fließgewässer als intakter Lebensraum katastrophal! Bemerkt hat das anscheinend niemand - auch nicht die zuständige Landesanstalt! Die "moderne" Landwirtschaft, die beispielsweise ihre Getreideäcker mindestens 6 bis 8 mal im Jahr mit Herbiziden spritzt, sorgt so auch für deren regelmäßigen Eintrag in die Gewässer und natürlich auch in die Kläranlagen, wo sie ihre Wirkung offenbar nicht verfehlen. Die Bundesanstalt für Risikobewertung hat kürzlich ausweichend auf meine Anfrage bezüglich Halbwertzeiten, Wirkungsspektrum etc. geantwortet - man merkte, dass sie nicht antworten wollte und wir wurden an die Bundesregierung verwiesen. Hier sind wir noch nicht weiter gekommen. Darüber hinaus sind in allen Fließgewässern die Fischbestände drastisch zurückgegangen. Dies ist nicht allein auf den Kormoran zurückzuführen.
Der Rückgang der aquatischen Pflanzenbestände ist eindeutig auf die schlechtere Wasserqualität infolge der eingebrachten nachteilig bis verheerend wirkenden Stoffe zurückzuführen.

Eine weitere Ursache ist eindeutig die Wasserkraft!

Wenn man sich derzeit anschaut wo überall Wasserkraftanlagen reaktiviert oder an bestehenden Wehren gebaut werden, so verschlägt es einem die Sprache!
Politisch gewollt wird dieser Unsinn vorangetrieben und wir - der Verband Hessischer Fischer - als gesetzlich anerkannter Naturschutzverband - werden erst gar nicht mehr angehört! Trickreich geht man hier vor und beraubt uns unserer gesetzlich verbrieften Mitwirkungsrechte! So wurde allerdings kürzlich ein Kanuverband bei einer geplanten Wasserkraftanlage in Lollar behördlich beteiligt, weil man beim Bau der Wasserkraftanlage einen Borstenfischpass als Fischaufstiegshilfe bauen will. Was ein Nicht-Naturschutzverband in diesem Verfahren zu suchen hat, erschließt sich uns nicht, zeigt aber das ganze Dilemma bzw. die behördliche Willkür sowie den behördlichen Unsinn mehr als drastisch.

Und was macht man an den Gewässern?

Überflüssige Wehre werden auf Jahrzehnte erhalten, für Fließgewässer und ihre Biozönosen unglaublich nachteilig. Den in ihnen eigentlich lebenden Fließgewässer-Arten wird eine Rückkehr bzw. Wiederansiedlung unmöglich gemacht. Erwärmung, Sauerstoffüberschüsse am Tage und Sauerstoffdefizite in der Nacht sowie durch biogene Entkalkung stark ansteigende pH-Werte (oft über pH 10!), bereiten allen Arten die größten Probleme und lassen sie verschwinden, auch das Heer der gesamten Wirbellosenfauna.
Hinzu kommt, daß in den "ökostrom"-produzierenden Wasserkraftanlagen die Fische entweder am Rechen oder in den Turbinen getötet und damit auf lange Sicht ausgerottet werden. Beispiele dafür sind Aal, Lachs und Meerforelle. Die Einzigen, die von der Wasserkraft profitieren sind die rücksichtslosen Betreiber der Wasserkraftanlagen, die sich sowohl auf Kosten der Natur und der geschundenen Kreatur als auch auf Kosten der Stromverbraucher infolge eines irrsinnigen EEG- eine "Goldene Nase" verdienen! Nicht umsonst hat die EFI-Kommission in dem von ihr beauftragten Gutachten der Bundesregierung geraten, das EEG sofort abzuschaffen, weil es innovationsfeindlich sei und den Strom nur verteuere!
Und warum wird dieser Schwachsinn entgegen den strengen Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie (Verschlechterungsverbot!!) überall gemacht? Der Vorwand ist die von der Bundesregierung angezettelte unüberlegte Energiewende, welche die Welt retten soll! Als könnte man mit der Wasserkraft hierzu einen Beitrag leisten oder nennenswert CO2 einsparen. Deutschland trägt zum weltweiten CO2-Ausstoß sage und schreibe ganze 0,000025 Prozent und zur Stromerzeugung ganze 3,1% bei!

Den gesetzlichen Fischschutz soll § 35 des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) sicherstellen, denn darin steht, dass die Fischpopulation zu sichern sei. Doch wie wird dieser speziell für die Wasserkraft "konstruierte" Paragraph in Wirklichkeit ausgelegt? Die SGD-Nord in Koblenz interpretiert ihn folgendermaßen: "Der Schutz der Fischpopulation setzt nicht beim Einzelindividuum an, sondern auf der Ebene der Fischpopulation". Nimmt man diese Aussage genau, so dürfte in der Stauhaltung oberhalb einer Wasserkraftanlage bis auf wenige überlebende Exemplare einer Art die Masse aller Fische in den Turbinen geschreddert werden! Bei Brassen oder Karpfen würden zum Beispiel 2 bis 5 Exemplare ausreichen, die überleben dürften! Darüber hinaus wird die Stromgewinnung aus Wasserkraft als "im öffentlichen Interesse" dargestellt. Der Tierschutz, der schließlich im Artikel 20a im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert ist, spielt dabei ebensowenig eine Rolle, wie das klare und nicht interpretierbare Bundestierschutzgesetz.

Tierschutz in Deutschland ist anscheinend teilbar!

Er gilt wohl in besonderem Maße für Haustiere wie Hunde oder Katzen oder auch für andere "Kuscheltiere", aber anscheinend nicht für Fische! Im derzeit laufenden Petitionsverfahren beim Petitionsausschuß des Bundes, der von sich aus die Bundesländer beteiligt hat, hat man sich in allen Schreiben am Tierschutz vorbeigemogelt und ihn letztlich unterschlagen.

Leben wir eigentlich in einer Bananenrepublik?

Wer die beschriebenen Sachverhalte genau nimmt, könnte diese Frage glatt bejahen! Mal sehen was die EU zu der bereits eingebrachten umfassenden Beschwerde sagt, die seit zwei Monaten in Brüssel vorliegt und jetzt noch mit konkreten Beispielen- auch aus Hessen - unterfüttert werden muss.
Wir brauchen auch nicht darauf zu hoffen, dass von den anderen anerkannten Naturschutzverbänden Unterstützung zum Schutz des Lebensraumes Wasser kommen könnte. Lediglich der BUND Naturschutz in Bayern spricht in Bezug zur Wasserkraft - wie auch wir - eine klare Sprache und geht gegen die Gewässerzerstörung und die tierschutzwidrigen Vorkommnisse in unseren Fließgewässern vor. Vielleicht finden auch die Vogelschutzvereine eines Tages zu uns, um mit uns gemeinsam gegen die nachhaltige Gewässerzerstörung vorzugehen! Die Interessengruppen der Gewässerbenutzer, wie Bootsverleiher, Besitzer von Booten aller Art, Yachtclubs, Bootsclubs, Motorsportverbände, usw. werden uns allerdings nie unterstützen, denn dann würden auch sie in ihrem Tun beschränkt werden müssen!
Von den Behörden verlangen wir allerdings, dass sie ihre Fachkompetenz - die eigentlich vorhanden sein müsste - voll einbringen, um sich dem Willen von opportunistischen oder unwissenden Politikern entgegenzustellen. Dies wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit und dafür sind sie da!

Winfried Klein
Ref. f. Öffentlichkeitsarbeit